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Fokus
10.2013


 Die Grenze zwischen Kunst und Leben zu verwischen, war eines der zentralen Anliegen der Moderne. Böse Zungen behaupten, das sei mächtig schiefgegangen. Geblieben ist ein gesundes Misstrauen gegenüber den herrschenden Systemen. Delphine Reist und Laurent Faulon erinnern daran, dass dieses nicht nur notwendig ist, sondern auch erheitern kann.


Delphine Reist/Laurent Faulon - Kritische Masse


von: Ralf Christofori

  
links: Delphine Reist · Dusche, 2013, verschiedene Duschgels, Installationsansicht Stadtgalerie Saarbrücken
rechts: Laurent Faulon · Garden Party, 2008, Video, 5', Still


In der Spieltheorie bezeichnet die kritische Masse einen Schwellenwert. Demzufolge setzen sich eine Meinung, eine Auffassung, ein Trend sozusagen «selbsttragend» durch, sobald die Anzahl ihrer Befürworter oder Verfechter die kritische Masse erreicht hat. Mehrheitlich begehrte oder genutzte Produkte bestimmen also die Märkte; Massenphänomene in der Gesellschaft legitimieren, was vermeintlich gut oder schlecht ist. Die Kehrseite eines solchen ökonomischen und gesellschaftlichen Erklärungsmodells liegt auf der Hand: Die Verfechter einer Meinung machen eine Auffassung oder einen Trend zur herrschenden und beherrschenden Meinung, und zwar einzig auf der Grundlage von Masse und Macht. Ist diese herrschende Meinung erst einmal mehrheitsfähig, droht die kritische Masse zunehmend unkritisch zu werden.
An diesen Punkten setzen die beiden Genfer Künstler Delphine Reist und Laurent Faulon an. Ganz egal, ob sie jeweils für sich oder gemeinsam als Künstlerpaar arbeiten - sie sind in der Minderheit. Und das ist auch gut so! Zu zweit nehmen sie die Massenphänomene in Gesellschaft, Ökonomie und Kunst kritisch in den Blick. Was als ökonomisch etabliert gilt, macht sie misstrauisch. Normen, welche die Gesellschaft hervorbringt, sind für sie in höchstem Masse sozial konstruiert und daher nicht wirklich legitimiert. Sie arbeiten situationistisch, und zwar international. Zu Hause sind sie in Genf, ihre Arbeiten aber entstehen fast ausschliesslich an den Orten, an denen sie ihre Projekte realisieren: in Saarbrücken und Backnang, in Genf und Tours, in Hiroshima oder Dakar.

Der Stand der Dinge
«Wir reagieren immer auf den Kontext, in dem wir arbeiten. Der Zugang ist derselbe, ob es sich um eine Kunstinstitution handelt oder ein leerstehendes Gebäude», sagt Delphine Reist. Laurent Faulon spricht in diesem Zusammenhang von einem Akt der «Occupation». Und tatsächlich nehmen die beiden Orte und Dinge in Besitz, die zunächst vertraut, aber zugleich kunstfern erscheinen. Sie realisieren ihre Werke in ausgedienten Industriehallen, Parkhäusern oder angestammten Kunstinstitutionen, nicht selten leben und arbeiten sie auch dort. Von den Dingen ergreifen sie Besitz, indem sie diese aus ihrem ursprünglichen funktionalen und dinghaften Zusammenhang herausschälen; erst wenn diese Objekte ein emanzipiertes und autarkes Eigenleben führen, werden sie ihrem neuen Schicksal überlassen.
Im Frühjahr 2013 richteten Delphine Reist und Laurent Faulon in der Stadtgalerie Saarbrücken eine Ausstellung ein, in der sie die Risiken und Nebenwirkungen von Körperkult und Wellnesswahn ins Licht rückten. Es war ein gleissendes, porentief hygienisches Licht, in das sie die gesamte Installation tauchten: ein Sprungbrett ohne Schwimmbecken, ‹Der grosse Sprung›, daneben eine Umkleidekabine mit Sporttaschen, die ein seltsames Eigenleben führten, ‹Vestiaire›. Ein weiterer Raum mit Fitnessgeräten, welche die Künstler komplett mit Silikon überzogen und somit in den Rang skulpturaler Fetische erhoben, ‹Fitnesszentrum/Weiss›. Die für die Körper­hygiene vorgesehenen Duschgels wiederum liess Delphine Reist an der Wand entlang auslaufen, ‹Dusche› - bis sie sozusagen von alleine eine Art Farbfeldmalerei nach dem Vorbild des Amerikaners Morris Louis zauberten. Wie mühsam Fitness sein kann, zeigte Laurent Faulon in seiner Videoperformance ‹Garden Party›, für die er in einer Industriehalle nackt und in Turnschuhen über instabile Gartenmöbel sprang und balancierte.
Die Wünsche, die eine Gesellschaft im kollektiven Glücksversprechen scheinbar sucht und findet, bleiben bei den Künstlern unerfüllt. Fitness, Körperkult und Wellness erweisen sich als denkbar unspektakulär und das damit verbundene Glücksversprechen als Gängelung. In seinem Buch ‹Die Gesellschaft des Spektakels›, 1967, schimpfte Guy Debord über die «glückliche Vereinheitlichung der Gesellschaft durch den Konsum»: «Der einzige Gebrauch, der sich hier noch äussert, ist der grundlegende Gebrauch der Unterwerfung.» Diese implizite Logik kehren Delphine Reist und Laurent Faulon um, indem sie die Dinge von ihrem Gebrauch abkoppeln und damit die Dinge und auch die Menschen emanzipieren.

Die Emanzipation der Objekte

Im Sommer 2013 weilten Delphine Reist und Laurent Faulon mehrere Wochen in Dakar, Senegal, und realisierten im dortigen Espace Timtimol ein Projekt, in welchem sie diesen Aspekt noch einmal zuspitzten: Die zentrale Frage, ob die Dinge ein Eigenleben haben, mündete hier in einer Ausstellung, in Texten und Diskussionen, die all das thematisierten, was Dinge sein können: Konsumgüter oder Gebrauchsgegenstände, Ausgangspunkt für Kult, Projektion und Aggression. Dabei ist es dem Künstlerpaar auf denkbar simple Weise gelungen, die Aufmerksamkeit zu schärfen und mögliche Zuschreibungen zu verschieben: Eine einfache schwarze Plastikplane, in die mit Zigaretten Löcher gebrannt wurden, eröffnete plötzlich einen nächtlichen Sternenhimmel, ‹Mes étoiles›; die aggressive Zertrümmerung von Weinflaschen an der Wand avancierte zum poetischen Bild, ‹Tessons›, während an einer Aussenwand des Ausstellungsgebäudes motorisierte Benzinkanister eine eigenwillige Melodie anstimmten, ‹Les bidons›.
Dass diese Arbeiten am Ende surreal (im Sinne von deplatziert) und auch dadaistisch (in ihrem Eigenleben) erscheinen, verweist auf zwei kunsthistorische Stränge, die man ohne viel Mühe im Werk von Reist und Faulon ausmachen kann. Und doch überflügelt der situationistische und damit sowohl gesellschafts- als auch ideologiekritische Aspekt die blosse surreale oder dadaistische Anmutung ihrer Arbeiten. Auch dann, wenn die Künstler angestammte Kunsträume «okkupieren». So hat Delphine Reist für ihre bevorstehende Ausstellungsbeteiligung im Mamco Genève geplant, den Ausstellungsraum physisch zu demolieren, zumindest zu dekonstruieren. Ein gesundes Misstrauen ist und bleibt also angebracht - gegenüber den Dingen und Systemen, dem Leben und der Kunst, nicht zuletzt gegenüber jener kritischen Masse, die uns weismachen will, welcher Ordnung diese Dinge im Leben und in der Kunst zu folgen haben.
Ralf Christofori arbeitet als freier Journalist und Kunstkritiker in Saarbrücken. r.christofori@freenet.de


Bis: 09.01.2013


Delphine Reist (*1970, Sion)
Laurent Faulon (*1969 in Nevers, F)

Ausstellungen Delphine Reist (Auswahl)
2009 Fri Art, Fribourg
2010 Galerie Lange + Pult, Zürich
2011 Air Onomichi, Onomichi, Japan
2012 Triple V, Paris
2013 Mamco, Genf

Ausstellungen Laurent Faulon (Auswahl)
2007 Galerie Chappe, Paris; OX Warehouse, Kunstzentrum, Macao, China
2008 Centre d'art, Neuchâtel; Biennial of Contemporary Art, Gyumri, Armenien
2010 Centre d'Art Bastille, Grenoble
2011 Biennale d'Art des Libellules (BAL), Genève; Air Onomichi, Onomichi, Japan
2012 Schweizerisches Kulturinstitut, Rom
2013 Picker Prize, Genève

Gemeinsame Ausstellungen (Auswahl)
2006 P.O.S., Occupation des sols, Saint-Etienne
2007 Hammarby Artport, Stockholm
2008 Hôtel Dieu et Espace Ecureuil, Toulouse; Stargazer, Genf; Manoeuvres 1/3, Collège Sismondi, Genf
2010 Interventionsraum, Stuttgart; Fri Art, Fribourg; Manoeuvres 2/3, Collège Sismondi, Genf
2011 Fête Nat, Ferme Asile, Sion; Substitut, Berlin; Candyland, Stockholm
2013 Stadtgalerie Saarbrücken; Espace Timtimol, Dakar, Senegal; Galerie der Stadt Backnang



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Laurent Faulon, Delphine Reist [21.09.13-17.11.13]
Ausstellungen Katinka Bock, Victor Burgin, Alain Huck [16.10.13-12.01.14]
Institutionen Galerie der Stadt [Backnang/Deutschland]
Institutionen Mamco Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Ralf Christofori
Künstler/in Delphine Reist
Künstler/in Laurent Faulon
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