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Fokus
10.2013


 Im Londoner Stadtteil Knightsbridge, gleich hinter dem Kaufhaus Harrods, ist die ecuadorianische Botschaft in einem Wohnblock eingemietet. Seit Sommer 2012 manifestiert sich vor der Erdgeschosswohnung eine diplomatische Krise, die für eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit steht.


Ansichten - Diplomatische Krise in einer Londoner Seitenstrasse


von: Carmen Weisskopf

  
Die ecuadorianische Botschaft in London, nachdem sie am 15. August 2012 von britischen Polizeikräften umstellt wurde. Foto: Kupiasity/Flickr


Wer an der Haltestelle Knightsbridge aus der Picadilly Line aussteigt und den hinteren Ausgang in Richtung Kaufhaus Harrod's nimmt, steht nach dem Treppenaufgang an einer Nebenstrasse mit dem Namen Hans Crescent. Wer dann, statt in den Seiteneingang des Harrod's einzubiegen, ein paar Schritte weiter die Strasse hinuntergeht, befindet sich unverhofft mitten in einer diplomatischen Krise. Die Erdgeschoss-Wohnung der ecuadorianischen Botschaft ist zu jeder Tageszeit von vier Polizeibeamten umstellt. Zwei stehen vor dem Eingang, einer vor den Fenstern auf der Vorderseite, einer auf der Hinterseite des Gebäudes.
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite parkt ein Van mit verdunkelten Scheiben und Antennen auf dem Dach. Es ist ein seltsames Gefühl, in dieser ruhigen Seitenstrasse diesem eigenartig überpräsenten Aufgebot an Polizeikräften gegenüberzustehen, das sicherstellen soll, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange - trotz positivem Asylentscheid aus Ecuador - die Botschaft nicht verlassen kann, ohne verhaftet zu werden. Assange flüchtete im Juni 2012 in die Botschaft und bat um Asyl. Zuvor hatte er sich mit allen Mitteln gegen eine Auslieferung an Schweden und von dort in die USA gewehrt. Seine Flucht in die Botschaft geschah im letzten Moment und führte zu einer diplomatischen Verstimmung zwischen Grossbritannien und dem südamerikanischen Land. Am 15. August 2012, dem Vorabend des Asylentscheids der ecuadorianischen Regierung, liess die britische Regierung die Botschaft umstellen und zwischenzeitlich drohte sie sogar, diese zu stürmen, um Julian Assange festzunehmen.
Die umstellte Botschaft mitten in London gibt einem Konflikt ein Gesicht, der sich gerade zuspitzt: der Frage nach dem Wert von Informationsfreiheit, von Privatsphäre und Transparenz. Was darf staatliche Überwachung? Und wie viel darf der Staat vor seinen Bürgern geheimhalten? Wikileaks hat sich mit dem Veröffentlichen von Geheimdokumenten aus anonymen Quellen im Dienste der Informationsfreiheit einen Namen gemacht. Die «Enthüllungsplattform» hat gewissermassen versucht, den investigativen Journalismus als vierte Gewalt mit den Mitteln des Internets zu stärken. Die Situation in London ist damit auch eine Momentaufnahme im Kampf um den Zugang zu Regierungsinformationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Carmen Weisskopf ist Teil der !Mediengruppe Bitnik, einer Künstlergruppe aus Zürich/London. In einer ihrer jüngsten Arbeiten hat Bitnik dem Wikileaks-Gründer Julian Assange ein Paket in die ecuadorianische ­Botschaft in London geschickt. Das Paket enthielt eine Kamera, welche die Reise des Pakets durch das Postsystem live im Internet dokumentiert hat.



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Ausgabe 10  2013
Autor/in Carmen Weisskopf
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