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Fokus
10.2013


 Das Vera List Center entstand auf Initiative der Kunstmäzenin Vera List und es ist Teil der mitten in New York liegenden Universität The New School. Unter der engagierten Leitung von Carin Kuoni bearbeitet das Zentrum seit 2004 mit künstlerischen Projekten die Schnittstelle von Kunst und Politik - und bietet so ein mögliches Vorbild für die Schweiz.


Vera List Center for Art and Politics - Eine produktive Denkwerkstatt


von: Pablo Müller

  
links: OURS. Democracy in the Age of Branding, 2008-2009. Werke im Uhrzeigersinn, unten rechts anfangend: Aleksandra Mir, Sam Durant, Liam Gillick und Eric Beltrán. Internationale Ausstellung zur Frage, ob ­Demokratie der westlichen Konsumgesellschaft einverleibt wurde, anlässlich der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von November 2008 ©ProLitteris.
rechts: Jamie Kruse · Thingness of Energy, 2012, Installation, Podiumsgespräch und Führung durch die Heizräume der New School aus Anlass von Kruse's Forschungsprojekt zu Fragen der materiellen, biologischen und ökologischen Voraussetzungen des Lebens, zu Zeit und Energie.


Aus der Losung ‹Kunst für alle›, die in den Sechzigerjahren für eine politisierte Haltung in der Kunst stand, ist heute ein ‹Alle für die Kunst› geworden. Es lässt sich nicht bestreiten, die Kunst ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Blockbuster- Ausstellungen bringen Museen Besucherrekorde. Staatliche Institutionen nutzen die Kunst als ein identitätsstiftendes, konfliktschlichtendes Medium in Problemzonen. Kunstsammlungen sind heute fester Bestandteil der Repräsentationspolitik internationaler Unternehmen. Und die Ökonomie hat die Kultur als wichtigen Soft-Faktor im Standortwettbewerb entdeckt. Das gesellschaftskritische Potential der Kunst, das in den Sechzigerjahren noch als reale Möglichkeit gesehen wurde, scheint heute in einer Ökonomie des Kulturellen aufgehoben, und das Politische, sofern es noch eine Rolle spielt, ist zu einer Währung im kulturellen Markt geworden.
Trotz dieses gegenwärtigen Trends hält das Vera List Center dezidiert an der gesellschaftskritischen Möglichkeit der Kunst fest und möchte mit seinen Aktivitäten eine kritische Öffentlichkeit herstellen. «Die Kunst ist heute Teil der Gesellschaft. Aber in welcher Form sie präsent ist, ist nicht mehr so klar», konstatiert Carin Kuoni, die Leiterin des Vera List Centers. Ihr etwa sechs Quadratmeter kleines Büro liegt mitten in Manhattan und ist nur einen Steinwurf vom Union Square entfernt.
Kuoni studierte Kunstgeschichte an der Universität Zürich und der Sorbonne, wurde Direktorin des Swiss Institut New York und anschliessend Leiterin des Ausstellungsprogramms der Independent Curators International (ICI). Auf die Frage, in welcher Form sie die Kunst in Relation zur Gesellschaft sieht, sagt Kuoni: «Mein Ziel ist es, Kunst und künstlerisches Denken als einen legitimen und wichtigen Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Fragen anzuerkennen und zu präsentieren. Es geht um die Frage, in welchem Masse künstlerische Prozesse die Wirklichkeit reflektieren und beeinflussen.»

Schnittstelle von Kunst und Politik
Seit seinen bescheidenen Anfängen hat sich das Vera List Center zu einer dynamischen Plattform in der New Yorker Kunstszene mit Resonanz über geografische Grenzen hinaus entwickelt. In seinem Auftrag, sich ausschliesslich der Schnittstelle von Kunst und Politik zu widmen, steht es noch heute einmalig da. Die Stifterin Vera List wollte mit dem 1992 gegründeten Zentrum aktuelle universitäre Lehre und Forschung einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Das anfangs eher sozialwissenschaftlich ausgerichtete Programm erhielt mit der seit 2004 tätigen Direktorin Carin Kuoni eine stärkere Profilierung auf Kunst und Politik, und durch ein online Programmarchiv und institutionelle Zusammenarbeiten - zum Beispiel mit Creative Time, Public Art Fund, AICA USA oder The National Coalition Against Censorship - einen grösseren Wirkungskreis. Neben laufenden Veranstaltungen, Ausstellungen und künstlerischen Projekten wird alle zwei Jahre ein Schwerpunktthema festgelegt, zu dem das Center mit einem non-residential Stipendium von USD 10'000 jeweils zwei Kunstschaffende, Theoretiker oder Kuratoren um einen Beitrag bittet.
Die Aktivitäten des Vera List Centers sind, wie Kuoni bekräftigt, einem erweiterten Öffentlichkeitsbegriff verpflichtet. Sie sollen nicht nur in einem formalen Sinn öffentlich zugänglich sein, sondern auch Fragen von öffentlicher Bedeutung behandeln. «Eine Veranstaltung, in der für zwei Stunden fünf Sprecher zusammenkommen und vielleicht 100 oder 150 im Publikum sind, das ist natürlich bloss der Anfang. Vertieft, ausgebaut und nachhaltig wird das Gespräch erst im weiteren Austausch mit Studenten, mittels Dokumentation und Weiterverarbeitung durch geladene Gäste, in Forschungsarbeiten, Publikationen oder kleinen Ausstellungen.» Wie eine Auswahl der bearbeiteten Themen, bspw. ‹Speculating on Change›, ‹Agency› oder ‹Public Domain›, zeigt, richtet sich das politische Interesse weniger auf Themen aus der staatspolitischen Agenda als auf solche aus den verzweigten Feldern der Zivilgesellschaft.

Am Puls der Zeit
Das Vera List Center hat mit seinen Fokusthemen immer wieder den Puls der Zeit getroffen. Bei ‹Thingness›, dem Schwerpunktthema 2011-2013, ging es um ein radikal neues Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt - Umwelt hier im weitesten Sinne verstanden. Also um Fragen wie: Was ist Materie, was ist organisch und nicht Materie? Sind solche Unterscheidungen noch relevant? Ein wichtiger Auslöser für dieses Thema war die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko, bis heute die grösste Umweltkatastrophe in den Vereinigten Staaten, als über Monate hinweg der Ölfluss aus einer kaputten Düse auf dem Meeresgrund nicht gestoppt werden konnte: «Dieses Ereignis zeigte, wie wir Technologie in Kräftefelder pflanzen, die wir eigentlich nicht ganz verstehen.»
Neben dem Vortrag der Politikwissenschaftlerin Jane Bennett über ‹Vibrant Matter› oder einer Konferenz zu objektorientierter Ontologie fanden Künstlergespräche oder Kunstinstallationen mit Jamie Kruse, Josiah McElheny, Paola Pivi, Fred Wilson und anderen statt. Auf die ‹Thingness›-Thematik bezogen sich andere internationale Ausstellungprojekte, beispielsweise ‹Animismus›, indem es eine Überschreitung zu enger Konzepte von belebter und unbelebter Natur forderte. Man erinnere sich: Anlässlich der documenta 13 entwarf die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev eine Utopie des posthumanen Zeitalters.

Kein vergleichbarer Ort
In der Schweiz gibt es keinen dem Vera List Center vergleichbaren Ort. Die bestehenden Bemühungen im Feld von Kunst und Politik verlassen kaum einen ausgewählten Fachkreis und scheuen vor allzu Aktuellem zurück. In der Shedhalle, die als Hort der politischen Kunst gilt, gibt es zwar den Versuch, Kunst, Vermittlung und Gesellschaftstheorie verknüpft zu denken, doch bleibt dieser Ort seit einigen Jahren einem angestammten inhaltlichen Spektrum verhaftet und bringt nichts Unerwartetes mehr. Die wenigen Ausstellungen in Museen und Kunsthallen, die ein Thema fokussieren, meiden oft allzu Konkretes und wagen kaum, eine ethische Dimension ins Spiel zu bringen. Das Institut für Theorie der ZHdK gibt zwar Einblick in aktuell laufende Debatten zu Gesellschaftstheorie und Kunst. Doch finden diese kaum den Weg in eine weitere Öffentlichkeit.
Das Vera List Center an der Schnittstelle von akademischem Betrieb, Kunstszene und Zivilgesellschaft, mit seiner integrativen und vernetzenden Arbeitsweise könnte hier ein Modell bieten für die Schweizer Szene. Denn eines ist klar: Eine institutionelle Plattform, die in internationaler Perspektive und mit lokaler Anbindung Kunst dezidiert in Relation zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen denkt, würde der Schweiz guttun.
Pablo Müller ist Kunstkritiker und Kunsthistoriker, er lebt in Zürich und New York. pablomueller@gmx.net


Vera List Center for Art and Politics New York
Jährliches Betriebsbudget: USD 250'000 aus privaten Spenden, öffentlicher Unterstützung und Beiträgen der New School
Veranstaltungen: pro Jahr ca. dreissig Projekte und Anlässe
Vera List Center Prize for Art and Politics: Preissumme 15'000 USD, alle zwei Jahre, erstmalige Vergabe 2012; Preisträger: Theaster Gates, Chicago, mit Konferenz, einer Ausstellung, zahlreichen Vorlesungen (im Herbst 2013) und Publikation (2014)



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Ausgabe 10  2013
Institutionen Vera List Center/The New School [New York/USA]
Autor/in Pablo Müller
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