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Besprechung
10.2013


Gisela Kuoni :  In der Ausstellung von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger in Chur ist das Publikum ein wesentlicher Teil der Installation. Hier stehen wir einmal nicht vor der Kunst, sondern sind mittendrin, sind Teil des Geschehens, verändern dieses und gehen selbst als andere aus dem Museum.


Chur : Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger — Aufbruch vor dem Abbruch


  
Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Nationalpark, 2013, Installation im ehemaligen Naturhistorischen und Nationalparkmuseum, Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: Ralph Fenner


Ehe das einstige Natur- und erste Nationalparkmuseum abgebrochen und im kommenden Jahr dem viel diskutierten Neubau des Kunstmuseums weichen wird, erweisen Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger dem geschichtsträchtigen «Sulserbau» ein letztes Mal die Reverenz. Das Abbruchobjekt liefert das Rohgerüst der Installation mit Stellwänden, Bodenbelägen, Gittern, Fenstern, Geländern und Isolationsmatten. Im Untergeschoss wird in zahlreichen Vitrinen mit Naturalien verschiedenster Provenienz noch einmal an das alte Naturmuseum erinnert. Streng wissenschaftliche Exponate wechseln mit kunstvollen Arrangements, oftmals von irreführenden und ironischen Titeln begleitet. Mitten im Raum öffnet sich ein Kratersee, umgeben von Bauschutt, aus dem pinkfarben ein bizarrer Kristallbaum bis ins gläserne Dach hinein wuchert. Ein schmaler, roter Pfad führt nach oben: Ein halbes Jahr lang - vom längsten bis zum kürzesten Tag des Jahres - wächst und rankt es hier, blüht und vergeht, trägt Frucht und modert dahin. Die Natur erobert das bröckelnde Gemäuer, Wind weht durch offene Fenster, Regen rieselt, Bohrspuren ziehen sich wie Ameisengänge über die Wände, es plätschert, und mitunter ertönt ein Zwitschern.
Echt oder künstlich? Schön? Hässlich? Absicht oder Zufall? Das Künstlerpaar hat eine Installation der permanenten Veränderung geschaffen, die sich bunt und üppig bis in die höchsten Ränge schwingt, auf der man über Bächlein balanciert, Knochenberge umrundet, lebenden Tieren, ausgestopften und solchen aus Plüsch begegnet zu Wasser und zu Lande. Meerschweinchen haben hier ihr Sommerquartier bezogen, Tomaten, Kürbisse und Kapuzinerkresse ranken hinauf, dazwischen leuchten bunte Imitate, durchsetzt mit Wohlstandsmüll: Elektrogeräte, Handys, Blechdosen - gedankenlos liegengelassen, von der Natur langsam wieder vereinnahmt.
Wie gewohnt vervollständigt man beim Betreten auch dieses ‹Nationalparks› zunächst seine Ausrüstung: Feldstecher, Bärenkostüm, Angelrute hängen hier zum Gebrauch an der Wand - die Wahl fällt schwer. Man schlüpft bewusst in die Rolle des Parkbesuchers, der Naturschützerin und kehrt oft ein zweites Mal zurück. Auch von einem äusseren Beobachtungsposten lässt sich Tag und Nacht in den Zauberwald hineinspähen. Die Passanten bleiben stehen, fragen nach. Ob jede/r auch die tiefere Bedeutung des Ganzen erfasst, sich überlegt, wie sich Natur und Kunst mischen, beeinflussen, steigern oder auch konkurrenzieren, bleibt offen.

Bis: 21.12.2013



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Steiner/Lenzlinger [22.06.13-21.12.13]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Steiner/Lenzlinger
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