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Besprechung
10.2013


Gisela Kuoni :  Bevor winterliche Temperaturen zum Saisonschluss zwingen, lassen Gabriela Gerber und Lukas Bardill im Kunstraum Dornbirn frisches Grün spriessen und lautlos wieder in sich zusammensinken: Ihre Videoinstallation ‹Dornröschen› ist ebenso märchenhaft wie realistisch.


Dornbirn : Gerber & Bardill - Dornröschen in der Montagehalle


  
Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Dornröschen, 2013, 7-Kanal-Videoinstallation, Courtesy Kunstraum Dornbirn, A und Galerie Luciano Fasciati, Chur ©ProLitteris


Wie ein mächtiger sakraler Raum, ein grosses Kirchenschiff, präsentiert sich die 11 Meter hohe, 30 Meter lange und 14 Meter breite ehemalige Montagehalle. Es ist dämmerig, fast dunkel. Die Oberlichtfenster sind bis auf eines verschlossen, die darunter liegenden hohen Bogenfenster ebenfalls. Drinnen ranken sich wie an einem Gerüst saftig grüne Pflanzen, kämpfen mit- und gegeneinander um's Licht, wachsen in die Höhe, bis sie die ganze Fensterfläche füllen, den Raum verdunkeln - und dann dahinwelken, in sich zusammenfallen und am Boden vertrocknen. Die Fenster erscheinen zunächst hell und durchsichtig - bis der Loop (etwa 6 Minuten) wieder beginnt, die erneut heranwachsenden Pflanzen den Raum langsam wieder in Dunkelheit tauchen, bis das Zusammensinken der Senfpflanzen die lichterfüllte Fensterfläche wieder freigibt. Die Zeit des Wachsens und Welkens innerhalb von zehn bis zwölf Tagen hat das Künstlerpaar in etwa fünftausend Bildern festgehalten und im Video komprimiert.
Nichts ist gleichzeitig, der Wachstumsprozess läuft leicht versetzt ab, es herrscht immer Bewegung, scheinbar ein wunderbares Naturschauspiel. Die Fenster beginnen etwa in Kopfhöhe der Betrachter, man schaut von unten in die wuchernde Fülle des rankenden Grüns. Der Effekt ist gross - die Absicht des Künstlerpaars reicht jedoch über das Formale hinaus. Hier durchdringen sich Natur und Kunst, bedrohliches Wachstum und schliesslich Befreiung und Erlösung, wenn wieder Licht und Luft eindringen können. Die Auseinandersetzung mit Landschaft und Natur, mit traditioneller Landwirtschaft und industrieller Bewirtschaftung, mit technischer und menschlicher Gestaltung von Naturräumen sind immer wieder Themen, denen sich das Künstlerpaar widmet. Der monumentale Raum der Werkhalle ist leer, nichts steht am Boden. In seinem rohen ursprünglichen Zustand verschmilzt er mit dem Kunstwerk.
Eine Märchenillustration ist das Ganze beileibe nicht. Und doch erinnert das bedrängende Wachstum an Dornröschens Rosenhecke und auch an die Befreiung, als der Prinz erscheint. Dazu klappert beim einzigen, offen gelassenen Oberlichtfenster mitunter ein Fensterladen, unregelmässig, wie der Föhn ihn gerade bewegt, und lässt für einen Moment Tageslicht in die dunkle Stille. Auch Dornröschen hatte die verbotene Türe einen Spalt geöffnet. Innen- und Aussenraum sind im Dialog.

Bis: 03.11.2013


mit zweisprachigem Katalog (engl./dt.)



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Gerber/Bardill [12.09.13-03.11.13]
Institutionen Kunstraum Dornbirn [Dornbirn/Österreich]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Gerber/Bardill
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