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Besprechung
10.2013


Katharina Holderegger Rossier :  Wie kontaminieren die Codes angelsächsischer Filme und Romane unsere Lektüre der Realität? Um diese Frage kreisen die 2010 entstandenen Videos von collectif_fact. Nun sind diese faszinierenden Bild- und Tonwerke während eines Monats im Centre d'art Neuchâtel als Parcours vereint zu sehen.


Neuchâtel : collectif_fact - ‹The Fourth Wall›


  
links: collectif_fact, Annelore Schneider & Claude Piguet · The Course of Things, 2012, Video HD, 16/9, 1080p, 10', Screenshot
rechts: collectif_fact, Annelore Schneider & Claude Piguet · The Fixer, 2013, Video HD, 16/9, 1080p, 8'20', Screenshot


Das vormalige Trio - alles Diplomabgänger des HEAD-Lehrgangs Medienkunst - tritt nun seit 2010 mit Annelore Schneider (*1979) und Claude Piguet (*1977) als Duo auf. Gleichzeitig hat sich ihre Ausrichtung leicht verlagert. Mindestens in seinen Videos ist es von der numerischen Konstruktion von Bildern wie auch von der Urbanismuskritik abgerückt. Die in den letzten Jahren geschaffenen Werke sind mit HD-Kameras an realen Orten aufgenommen worden und unterminieren gespickt mit sprachlichen und musikalischen Appropriationen aus der Unterhaltungskultur die Verführungskünste der dahintersteckenden Filmproduzenten und Verleger. Dabei verdeutlicht das collectif_fact, dass unser wunder Punkt in der im Alltag nur allzu selten gestillten Lust liegt, in spannende Geschichte zu geraten; und schlägt zugleich vor, sich ohne falsche Scheu der letztlich stets ähnlich komponierten Romane und Filme zur Konstruktion alternativer Sinnzusammenhänge zu bemächtigen.
Bereits die in Form eines Parcours durch abstrahierte Kinosäle im CAN gezeigten fünf Videos weisen dabei erstaunlich unterschiedliche Noten auf. ‹Ways of Worldmaking›, 2010, und ‹A Story Like No Other›, 2011, beschwören beide ein unserem Zeitgeist verwandtes Klima zwischen «es ist letzte Zeit, um zu handeln» und «die Katastrophe ist unvermeidlich» herauf, indem hier einem, dort mehreren Schauspielern die aufpeitschenden Sätze aus Trailern von Blockbustern in den Mund gelegt werden. ‹Hitchcock Presents›, 2010, und ‹The Course of Things›, 2012, wiederum laden begleitet von Reflexionen des grossen Filmemachers über das Verbrechen zu knisternden Besuchen der Maison Blanche von Le Corbusier und des Naturhistorischen Museums in London ein. Noch abgedrehter, aber zugleich wieder kritischer ist das jüngste Werk von collectif_fact, ‹The Fixer›, 2013, aus dem wie eine Bühne gestalteten Barbican Kulturzentrum in London. Eine den Standbildern unterlegte Männerstimme wägt ab, welche der dort herumlümmelnden Figuren zu eliminieren wären. Spricht hier ein Auftragsmörder? Nein, es ist einer dieser ähnlich gesalzen bezahlten und peinlich verheimlichten Hollywood-Fachleute, die wissen, wo die Klinge bei Drehbüchern anzusetzen ist, damit sie flüssig werden - oder haben sie schon (oft) von einem Script Doctor gehört? Poetischer gehts in dem im Mezzanin des CAN abgespielten Video ‹MOMOSHIMA or The Possibility of an Island›, 2013, zu und her. Da kommen selbst Träumer/innen noch auf ihre Rechnung.

Bis: 27.10.2013



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen The Fourth Wall (collectif_fact) [21.09.13-27.10.13]
Institutionen CAN Centre d'Art [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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