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Besprechung
10.2013


Daniel Morgenthaler :  Wie viele Künstlerinnen und Künstler in letzter Zeit - Ragnar Kjartansson in Zürich und Venedig, Jennifer Bennett in Schaffhausen, Pipilotti Rist in St.Gallen - setzt auch David Renggli für seine Einzelschau in der Kunst Halle St.Gallen auf die Kraft der Musik. Allerdings mit unüberhörbarer Ironie.


St. Gallen : David Renggli - Computerdurchhauchte Flöten


  
links: David Renggli · I Love You (b/w), 2013, Compositions, 2013 Aber, 2013, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Wentrup, Berlin; Valentin, Paris. Foto: Gunnar Meier
rechts: David Renggli · Ueben, 2013, Daybed (Nr. 1), 2013; Aber, 2013, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, ­Zürich; Wentrup, Berlin; Valentin, Paris. Foto: Gunnar Meier


Die Blockflöte ist das ultimative Dilettanteninstrument. Schliesslich musste fast jede und jeder einmal an den «Speuzchnebel» dran, mit teils herzzerreis-sendem Resultat (sowohl audio- als auch traumatechnisch). David Renggli (*1974) setzt dieses vielleicht demokratischste aller Instrumente in seiner Einzelausstellung ‹Scaramouche› in der Kunst Halle St.Gallen gleich zweimal ein. Einmal in einer fast schon monströsen Dimension im Foyer: Die Löcher dieser Flöte sind aber völlig zufällig über das Instrument verteilt und ohnehin nicht funktional, da nicht mit einem Hohlraum im Innern des Holzkörpers verbunden. Ein unmöglicher «Speuzchnebel» also - stellt man vielleicht erleichtert fest.
Am Ende der Ausstellung des Zürchers tritt dann das Instrument aber doch noch unüberhörbar in Aktion: Hier spielen zwei computeranimierte Flöten - wenn man bedenkt, dass «anima» «Hauch» bedeutet, ergibt dieser Begriff wirklich einmal Sinn - Led Zeppelins ‹Stairway to Heaven›. So dilettantisch, dass man die Melodie erst erkennt, wenn man sie im Saaltext definiert bekommt. Während hier sogar der Computer dilettiert - etwas, für das er eben genau nicht gebaut ist - tut es der Künstler im ersten Saal wieder selbst, diesmal mit Sprache. Hier leuchten verschiedene Begriffe - ‹Säbel›, zum Beispiel, oder ‹Libido› - in Neon ausgeformt im Dunkeln. Sätze muss man daraus selber konstruieren, Renggli hat sich darauf beschränkt, Neon-Zeichen zu bauen - beziehungsweise bauen zu lassen.
Die einzige, materiell etwas zurückhaltendere Arbeit ist dann ‹Untitled› von 2013 im kleineren Zwischensaal. Doch auch hier hat der Künstler eine technische Finesse eingebaut, die man fast als Pipilotti-Rist-Zitat lesen könnte: Aus einer Magnum-Weinflasche dringt Gelächter. Das ist ähnlich überraschend wie die Schreie, die man aus Rists bekanntem winzigem Loch im Boden des Ausstellungsraums hört, aus dem die Künstlerin um Hilfe ruft.
Bei zwei Hinterglasmalereien schliesslich sind wenige malerische Gesten wieder luxuriöser gerahmt. Renggli nimmt sich nicht nur die Freiheit, zu dilettieren. Zusätzlich giesst er die Resultate in noble Displays. Wird hier der Perfektionswahn einer Gesellschaft fehlerloser Blockflötenspieler persifliert? Oder fällt der Künstler diesem Wahn am Ende selbst zum Opfer?

Bis: 27.10.2013



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen David Renggli [17.08.13-27.10.13]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in David Renggli
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