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Besprechung
10.2013


Katharina Holderegger Rossier :  Der Genfersee in der Kunst? Ist das nicht ein etwas abgehalftertes Thema? Dominique Radrizzani verabschiedet sich vom Musée Jenisch indes mit einer erfrischend antikanonischen Schau, die das Schicksal dieser Landschaft dialektisch auffächert, zwischen einem Spiegel der Seele und einem Spiegel der Welt.


Vevey : ‹Lemancolia› - Seelandschaft als Seelenspiegel


  
Albrecht Dürer · Melencolia I, 1514, Kupferstich auf Ripppapier, zweiter Zustand von zwei, 240x189 mm, Musée Jenisch Vevey, Cabinet cantonal des estampes, fonds Pierre Decker. Foto: C. Bornand


Am Anfang des Projekts stand eine Entdeckung, die hoffentlich noch zu reden geben wird: Das stille Wasser in Dürers weltberühmtem Stich ‹Melencolia I›, 1514, ist nicht mediterraner Inspiration zu verdanken, sondern der Sicht auf den Genfersee vom Ufer in Villeneuve aus! Zwei bisher vernachlässigte Details lieferten die Argumente: Die wie ein Bild im Bild zwischen den Leitersprossen auf einer ufernahen Insel sichtbare Turmgruppe kommt dem Schloss Chillon erstaunlich nahe. Die dahinter ankernden Schiffe wären kaum hochseetauglich gewesen, bergen jedoch überraschende Ähnlichkeiten mit den ausschliesslich auf dem Genfersee verkehrenden «galeae». Nicht in ein Meer abgeflossenes, sondern zurückgehaltenes Wasser wählte also Dürer, um den finsteren Seelenzustand zu illustrieren, der seit Aristoteles dem schöpferischen und tapferen Menschen zugeschrieben wird (übrigens wie die Psychologie nach 150 Jahren Pathologisierung wieder vermutet, nicht ganz zu Unrecht).
Hatte vielleicht schon Jan van Eyck in der ‹Kreuzigung›, 1430, sicher aber dann Konrad Witz im ‹Wunderbaren Fischzug›, 1444, den Genfersee zur Veranschaulichung der Omnipräsenz des Heilsgeschehens in einer Altartafel porträtiert und damit der veristischen Landschaftsmalerei die Tür aufgestossen, entdeckte ihn das 16. Jahrhundert bereits in der doppelten Perspektive, zwischen welchen sich das Interesse der künftigen Generationen bis in unsere Zeit einpendeln sollte. Dürer führte den subalpinen See, der besonders zwischen den steilen Gestaden am Ostende unergründlich tief erscheint, als Metapher des Innenlebens des Menschen ein; bei Bruegel dem Älteren dagegen offenbarte sich der See, über dem man überwältigende Wetterschauspiele gewärtigen wie auch die Rundheit der Erde wahrnehmen kann, in seinen ‹Erntearbeitern›, 1565, als ultimative Darstellung des Universums. Radrizzani platziert nun zwar Werke u.a. von Doré, Vallotton, Soutter, Huck und, nicht zu vergessen, auch eines Hergé und Godard zuerst innerhalb der ersten Tradition und Arbeiten von Turner, Hodler, Kokoschka, Duchamps vorab auf der zweiten Piste. Beispiele verschiedener dieser Künstler/innen, die dann doch von dem einen in den anderen der beiden thematischen Museumsflügel gewandert sind, verdeutlichen jedoch, dass diese Teilung auf alle Fälle mehr Denkgerüst als Klassifikation sein will. Radrizzani ist damit eine ausserordentliche ikonographische Schau gelungen, die das Einzelwerk nicht erstickt, sondern ihm neuen Atem einflösst!

Bis: 13.10.2013



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Lemancolia [21.06.13-13.10.13]
Institutionen Musée Jenisch Vevey [Vevey/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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