Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
10.2013


Kristin Schmidt :  Die Sammlung des Fotomuseums Winterthur begann 1913 bei null. Seither ist sie auf viertausend Werke von vierhundert Künstlerinnen und Künstlern angewachsen. Bedeutsamer als diese Zahlen sind aber die inhaltlichen Grundsätze des Sammelns und die damit initiierte Bilddiskussion.


Winterthur : Jubiläumsausstellung - Im Fluss des Lebens


  
links: Jacob Holdt · ohne Titel, 1970-1975, Aus American Pictures, Diainstallation, Sammlung Fotomuseum Winterthur
rechts: Bertien van Manen · Pushkin Street 55, Odessa, 1991, C-Print, 25,5x38,2 cm, Sammlung Fotomuseum Winterthur, Schenkung Bertien van Manen, Courtesy Yancey Richardson Gallery, New York


Das Fotomuseum hat sich nicht wenig vorgenommen: Die Sammlung will zum Bild erziehen, das Wirken der Fotografie vermitteln und die Fotografie in einem gesellschaftlichen und medialen Kontext zeigen. Zwei Linien sind dabei bestimmend: der dokumentarische und der konzeptuelle Ansatz. Doch gerade auf diese Unterscheidung verzichtet Paul Graham (*1956, Stafford). Der in New York lebende Fotokünstler hat die zweite Jubiläumsausstellung im Jahr des zwanzigjährigen Bestehens kuratiert. Dass er dafür gewonnen werden konnte, ist ein schönes Detail, wurde das Haus doch mit einer Einzelpräsentation des damals noch kaum bekannten Briten eröffnet. Nun erhielt er Carte blanche und wählte 21 Positionen aus für eine sehr persönliche Präsentation mit starken assoziativen Verknüpfungen. Dabei arbeitet er Harmonien heraus und setzt zugleich Kontraste. So etwa zwischen einem Akt von Diane Arbus und einem Doppelporträt Rineke Dijkstras: Verletzlich wirken die Abgelichteten in beiden Fällen, doch bei Arbus wirkt die Nacktheit als Entblössung, bei Dijkstras Modell als Selbstverständlichkeit.
Überhaupt zieht sich der Mensch, oder mit den Worten Grahams, das, was Kunstschaffende im «unendlichen Fluss des Lebens sehen», als roter Strang durch die Ausstellung. Ganz gleich ob die Werke nun als dokumentarisch kategorisiert werden oder nicht - allen ist der künstlerische Blick eigen. Nur dank diesem können der überbordenden Welt fassbare Bruchstücke abgerungen und miteinander verwoben werden. Letzteres passiert im Fotomuseum so, dass sich über Generationen und Kontinente hinweg Entsprechungen und variierende Untertöne ergeben. Das Interieurthema etwa reicht von Richard Billinghams berühmter Serie über seine Eltern bis zu Bieke Depoorters zurückhaltende Wiedergabe der Lebensumstände einer ägyptischen Familie oder auch zu Jean-Louis Garnells inszenierter Unordnung.
Im zweiten Raum spannt sich die erzählerische Kraft der Aufnahmen von Jacob Holdts Panorama des amerikanischen Alltags in den Siebzigerjahren bis zu William Egglestones künstlerisch in Szene gesetzten Beiläufigkeiten oder Bertien van Manens Schnappschussästhetik in Bildern aus Odessa oder Rybinsk. Im letzten Saal ist Daniela Keisers ‹Frühstücksgasse› ein Höhepunkt: 140 Fotos des immer gleichen Kairoer Viertels im Mittagslicht oder bei Nacht schärfen einmal mehr das Bewusstsein für das Geworfensein im Heideggerschen Sinn.

Bis: 16.02.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2013
Autor/in Kristin Schmidt
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130918084903A0A-17
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.