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Besprechung
10.2013


Sabine Elsa Müller :  Das spirituell-malerische Werk der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint entfaltet hundert Jahre nach seiner Entstehung eine unwahrscheinlich packende Wirkung. Af Klint selbst hatte es zu Lebzeiten zu verbergen gewusst und verfügte, dass es frühestens zwanzig Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden darf.


Berlin : Hilma af Klint - Das Verblüffendste sind die Farben!


  
Hilma af Klint · Eine Pionierin der Abstraktion, 2013, Installationsansicht Hamburger Bahnhof, Berlin, Courtesy Staatliche Museen zu Berlin ©ProLitteris. Fotos: David von Becker


Erst jetzt gelang es, die etwa 1000 Arbeiten am Moderna Museet in Stockholm wissenschaftlich zu erfassen und für eine Retrospektive aufzubereiten. Das so lange verborgene Werk scheint zum richtigen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit zu kommen. Hilma af Klint (1862-1944), aus bürgerlichen Stockholmer Kreisen stammend und eine der ersten Frauen mit klassischer Akademieausbildung, verfügte als Malerin von Landschaften und Portraits bereits über einiges Renommee, bevor es zum radikalen und folgenschweren Bruch mit der Tradition kam. Ihr starkes Interesse am Okkulten, an der Theosophie und später der Anthroposophie, teilte sie mit vielen ihrer Zeitgenossen und Kolleg/innen. Aber im Gegensatz zu Kandinsky oder Mondrian verstand sie sich als Künstlerin, die primär aus dem Spiritismus schafft.
1904 begann sie mit ihrer lebenslangen Erforschung der Darstellung des Unsichtbaren in einer ‹Malerei auf der Astralebene›, die unter dem mehr oder weniger direkten Einfluss höherer Geistwesen stand. In zwei Phasen, von 1906-08 und von 1912-15, entstand der weitverzweigte Werkkomplex der ‹Gemälde zum Tempel›. Die zehn 1907 gefertigten Tafeln mit dem Titel ‹Die zehn Grössten› nehmen darin eine Sonderposition ein. Es sind riesige Formate, über drei Meter hoch und circa 240 cm breit, in Tempera auf Papier, das dann auf Leinwand aufgezogen wurde. Die an Schautafeln oder Diagramme erinnernden ‹Darstellungen der vier Menschenalter auf einer spirituellen Ebene› sind von jedem Illusionismus bereinigt, aber nicht unbedingt abstrakt. Die geometrischen und floralen Formen haben hohen symbolischen Charakter, wie auch die häufig auftauchenden Schneckenhäuser und Muschelschalen. Alles ist rein flächig wiedergegeben und verbindet sich mit Spiralen, rankenden Linien und Buchstaben zu einer so freien wie souverän bewältigten Komposition. Gut vorstellbar, dass sich dieser lineare Aufbau von van Klints unter Trance vollzogenem «automatischem Zeichnen» ableitet. Das Verblüffendste aber sind die Farben! Zwar gibt es klare Zuordnungen wie Blau für das weibliche und Gelb für das männliche Prinzip, aber die leuchtende Farbigkeit mit den satten Orange-, Rosa- und Gelbtönen spricht ihre eigene Sprache. Jenseits aller geheimwissenschaftlichen Doktrin beeindrucken die Werke dieser starken und visionären Künstlerpersönlichkeit.

Bis: 06.10.2013



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Hilma af Klint [15.06.13-06.10.13]
Institutionen Hamburger Bahnhof [Berlin/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Hilma af Klint
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