Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
10.2013


Hans Rudolf Reust :  Seltsam: Während die Fondazione Prada auf der Weltbühne der Biennale in Venedig die ‹Attituden› der Kunsthalle Bern als Jahrhundertereignis feiert, werden in Bern selbst politische Stimmen zu deren Schliessung laut. Virginia Overton spielt in ihrer Ausstellung mit diesem Haus und der politischen Wetterlage.


Bern : Virginia Overton - Wetterstandarte im harschen Wind


  
links: Virginia Overton . Untitled (Cherry), 2013, Kupfer und Edelstahl, 1,56
rechts: Virginia Overton . Untitled (Kunsthalle Bern sign), 2013, Leuchtkasten, Acrylfarbe und Vinyl, 30,3x244x 15,7 cm, Courtesy Freymond-Guth, Zuerich und Mitchell-Innes & Nash, New York


Seit ihrer Gründung 1918 ist die Kunsthalle Bern periodisch der Kritik ausgesetzt, sie sei lokal zu wenig verankert und einem abgehobenen Kunstverständnis verpflichtet. Jüngster politpopulistischer Coup: Die Jung-Freisinnigen haben zur Schliessung aufgerufen. Doch gerade die aktuelle Schau zeigt, wie eine Künstlerin mit Wurzeln im ländlichen Tennessee an Lokales anknüpfen kann: Mit riesigen Parkettstücken aus dem Hinterland von Huttwil inszeniert sie eine Form von monochromer Malerei, als Reminiszenzen an Gordon Matta-Clark und als Spiegelung des Bodens der Kunsthalle. Holz dominiert. Auch im grossen Saal, wo die Ornamentik der Lichtdecke als Intarsie am Boden gespiegelt wird. Wir stehen im Raum und wissen nicht, ob wir an ein Schloss der Loire oder eine Tanzdiele im amerikanischen Süden denken sollen. Das Video ‹Storyteller›, 2013, eine Zusammenarbeit mit Motoko Fukyama, zeigt Sequenzen aus einem Gespräch mit einem Sägemeister, der Gedanken zur Kunst äus-sert, derweil Baumstämme in lange Planken geschnitten werden. Die Projektionswand entspricht der quaderartigen Turmsilhouette des New Museum of Contemporary Art in New York und spielt mit Analogien zwischen filmischer Collage und Schnitten im Holz. Im Seitenlichtsaal, nur angelehnt an eine Wand, bilden lange, rohe Bodenbretter einen dreiecksförmigen Unterstand, der ebenso an eine minimalistische Skulptur wie an einen provisorischen Architektureingriff erinnert. Dabei durchbricht die erzählerische Patina der gefundenen Materialien die minimalistische Rhetorik und verknüpft die nomadische Geste mit einem konkreten Kontext. Im Eingangsraum kündet ein Leuchtkasten mit dem Schriftzug «Kunsthalle Bern» - analog zum Leuchtschild des legendären Kulturzentrums «The Kitchen» in New York - den Ort des Geschehens noch einmal an, als stünden wir draussen vor der Tür. Zweifach hängt daneben im Schimmer von zerkratzten Spiegeln das im ländlichen Bernbiet gefundene Schild mit zwei pickenden Hühnern und dem Slogan «Bessere Rendite mit Geflügel Futter».
Bern ist gemeint, denn Futter aus der Kunsthalle potenziert seit Jahrzehnten die Rendite in einer Stadt, die als Hauptstadt auch vom Austausch mit der Welt lebt. Welt zeigt sich immer vor Ort. So gibt Overtons Wetterstandarte mit ihrer Windrose auf dem Kunsthalledach nun alle vier Himmelsrichtungen an, beständig in der Überprüfung von Orientierungen, auch bei harschem Wind. Wer selbst ein Zeichen setzen will, kann die Petition auf der Website unterzeichnen.

Bis: 06.10.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Virginia Overton [23.08.13-06.10.13]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Virginia Overton
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130918084903A0A-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.