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Editorial
11.2013





  
TITELBILD · Cécile Wick · Weisse Blumen 3, 2013, Inkjet auf Büttenpapier, 150x112 cm


Blüten sind erotisch und vergänglich. Sie locken mit Formen und Farben Insekten an. Die Evolution der Pflanzen ist auch eine Geschichte der zunehmenden formalen Raffinesse.
Die Blumenaufnahmen von Cécile Wick sind berückend schön. Doch Schönheit hat in der zeitgenössischen Kunst einen schlechten Ruf. Zwar gab es immer wieder Versuche, das Schöne zu bannen, Ästhetik in Regeln zu fassen: Goldener Schnitt, Modulor, Farbsysteme. Gleichzeitig wissen wir spätestens seit Johannes Itten, dass es nebst dem kalkulierten auch ein individuelles Farbempfinden gibt, das unsere Vorstellungen von Schönheit prägt.
Visuelle Kunst ist visuelle Sprache und seit jeher auch eine Geschichte der Ästhetik beziehungsweise der Antiästhetik. Für Beuys galt noch: Wahrheit ist schön. Für Wick gibt es keine Wahrheit hinter dem Bild, es gibt nur das Bild. Das Bild als Spiegel der Welt.
Mit ihren leuchtenden Blumenbildern begibt sich Wick auf eine Gratwanderung. Denn Schönheit ist heute eine Industrie, käuflich oder ideologisch, banal oder unerreichbar. Was ist von einem Bild zu halten, das nichts verbirgt? Ein Speedflirting mit der sichtbaren Welt, bei der das Komplexe, Differenzierte keine Chance hat?
Unsere Aufmerksamkeit ist immer kürzer getaktet. Wir nehmen nur noch wahr, was schnell, auf einen Blick erfassbar ist. Doch dass auch solche sekundenkurze visuelle Begegnungen länger nachklingen und zum Nachdenken anregen können, machen die Aufnahmen von Wick deutlich. Vielleicht meint sie das, wenn sie sagt, sie wolle nur ein Bild machen. Ein Bild als Oberfläche, entleert von kultureller Aufladung oder individuellen Zuschreibungen. Eine Oberfläche oder ein geistiger Behälter, vor der sie als Person durchsichtig wird. Lässt man sich darauf ein, so glaubt man, sie zu verstehen.



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Ausgabe 11  2013
Autor/in Claudia Jolles
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