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Fokus
11.2013


 Was ist ein gültiges Bild? Gibt es das überhaupt? Das Unterwegssein ist für die Zürcher Künstlerin Cécile Wick entscheidende Voraussetzung, um fotografisches «Material» zu sammeln, aus welchem zu einem späteren Zeitpunkt Bilder entstehen können - Bilder, die keine plakativen Botschaften besitzen, ­sondern vielsagend schweigen.


Cécile Wick - Das Bild ist (nur) ein Bild


von: Markus Stegmann

  
links: Stadt 1a, 2012, Inkjet auf Büttenpapier, 150x112 cm
rechts: Rote Blumen 3, 2013, Inkjet auf Büttenpapier, 112x150 cm


Stegmann: Betrachtet man deine fotografische Arbeit, fällt eine besondere Nähe zur Natur auf. Hast du eine spezifische Affinität zur Landschaft?

Wick: Ja, zur Landschaft schon, aber nicht zum Landleben. Ich bin zwar zwischen Feldern und Wäldern aufgewachsen, aber ich empfand das Land als wenig beeindruckend. Uns Kindern wurden Respekt und Ehrfurcht vor den Naturgewalten beigebracht. Meine Eltern hatten Angst vor Blitzschlag und Feuer, wollten sicher sein, dass wir im Falle eines Falles jeden Moment das Haus verlassen könnten. Daher wurden wir bei heftigen Gewittern in der Nacht geweckt, mussten Schuhe anziehen und einen Rosenkranz beten. Heute faszinieren mich Naturkatastrophen, vor allem, wenn sich plötzlich alles komplett ändert, nichts mehr ist, wie es gerade noch war.

Stegmann: Hast du einmal eine Naturkatastrophe selbst erlebt?

Wick: Zweimal bin ich fast ertrunken im Meer. Ich habe die Flut beziehungsweise die Strömung falsch eingeschätzt. Als ich fünf Jahre alt war, wurde das Nachbarhaus vom Blitz getroffen und ist niedergebrannt. Die Nachbarskinder wurden weggegeben. Alles änderte sich von einem Tag auf den anderen. Seitdem habe ich einerseits Respekt vor dem Feuer, andererseits fasziniert es mich.

Stegmann: Deine Fotografien berühren immer wieder Fragen nach der Schönheit, beispielsweise in deinen Werkgruppen ‹Weisse Blumen› und ‹Rote Blumen›.

Wick: Warum soll ich keine Blumen fotografieren? Mich interessiert die Frage, wie weit ich gehen kann, bis es kippt, bis das Bild zur Werbung oder zum Kitsch verkommt. Ich mache nur Oberflächen. Es gibt keine objektive Wirklichkeit. Meine Pflanzen, Wolken oder Städte sind Oberflächen ohne Symbolik, Metaphorik oder sonst eine Bedeutung. Mich interessiert es nicht, etwas zu ändern, sondern ich versuche zu lesen, zu entziffern, wie etwas funktioniert, zum Beispiel der Verkehr in Kairo. Daher spielt für mich das Motiv keine grosse Rolle. Je mehr Zeit ich habe, desto mehr kann ich entziffern.

Die Welt entziffern
Stegmann: Was bedeutet das genau, etwas zu entziffern?

Wick: Sehen und Entziffern differenzieren sich mehr und mehr. Es geht immer um den Versuch, in etwas vertieft Einblick zu gewinnen. Dabei interessiert mich, wie etwas zu einem Bild wird. Diese Frage versuche ich in einem Prozess von Machen und Verwerfen zu klären. Noch einmal neu sehen, wieder verwerfen und so fort. Dabei will ich alle Mechanismen reflexartiger Festlegung aus dem Bild herausnehmen und auf diese Weise Wahrnehmungskonditionierungen brechen. Die ‹Roten Blumen› beispielsweise haben ja nichts anderes als ihr Rot, was bewirkt, dass man sie ansieht. Sie sind fast etwas schwülstig, erinnern an Kalenderbilder und sind doch keine.

Stegmann: Sie zeigen ein gewisses Mass an Abstraktion, sind somit der Wirklichkeit, wie wir sie zu kennen glauben, ein Stück entrückt. Das Sehen selbst ist ja bereits eine Abstraktion. Entmaterialisierung, Fokussierung, Abstraktion sind methodische Möglichkeiten, die auch deine Zeichnungen prägen.

Wick: In der Fotografie habe ich bestimmte Konventionen überwunden. In der Zeichnung bin ich hingegen noch nicht ganz angekommen. Papier und Malmittel transportieren stärker noch als die Fotografie bestimmte Konventionen und rationale Reflexe. Da ich aber nicht ohne Material zeichnen kann, ist es schwieriger, die Rezeptionsgewohnheiten aufzulösen, schwieriger sogar als bei den Blumen.

Stegmann: Wie entsteht eigentlich eine Fotografie, beziehungsweise eine Werkgruppe? Hast du am Anfang einen Plan, ein Konzept, eine Idee?

Wick: Nein, ich habe keine Pläne. Die Vorstellung, etwas abarbeiten zu müssen, finde ich fürchterlich. Für wen sollte das gut sein? Für mich gibt es nur ein einziges Kriterium: Was ich tue, muss für mich Sinn ergeben. Die Arbeit allein bestimmt, wohin es geht. Ich habe mich entschieden, die Welt zu lesen. Das ist mein Motor.

Diskrepanzen aufbauen
Stegmann: Welche Bedingungen sind für deine Arbeit günstig?

Wick: Ich bin glücklich, wenn ich irgendwohin gehen kann. Ich kenne keine uninteressanten Orte. Es wird spannend, wenn ich Zeit habe zu verweilen und zu schauen, weil ich mehr und mehr Ebenen erkenne. Dabei bemerke ich, wie ich selbst immer durchlässiger werde. Das Wahrnehmungsspektrum vergrössert sich.

Stegmann: Also könnte man dich irgendwohin schicken, egal wohin?

Wick: Ja, das ist das Beste. Ich muss regelmässig raus, egal wohin. Nächstes Jahr reise ich zum Beispiel nach Bukarest, ein visuell nicht sehr attraktiver Ort. Ich lese Literatur zum Thema und schaue mir den Stadtplan an, überlege, wohin ich gehen könnte. Mehr Vorbereitung braucht es nicht, schon gar kein Arbeitskonzept.

Stegmann: Irgendwann kommst du ja wieder mal zurück. Was machst du dann mit dem Material, das unterwegs entstanden ist?

Wick: Ich lege es beiseite und mache die nächste Reise. Vorher schaue ich mir das Material der vorletzten Reise an, eine langsame Annäherung an das Bild.

Stegmann: Eine systematische Distanznahme...

Wick: Ich baue mir Distanzen auf. Das Fotografieren ist bereits ein solcher Schritt. Hinzu kommt die zeitliche Distanz. Was ich dann nach längerer Zeit wieder sehe, deckt sich nicht mit meiner Erinnerung. Das ist wichtig, denn ich möchte das Anekdotische aus dem Spiel nehmen. Es ist für die Bildentstehung nicht erwünscht.

Gültiges Bild
Stegmann: Warum nicht? Erinnerungen können doch ein wichtiger Fundus sein?

Wick: Die Fotografien sind erst einmal nur Material. Daraus baue ich vielleicht irgendwann später ein Bild. Für diesen Prozess will ich möglichst frei sein, weil ich zu einem gültigen Bild gelangen möchte. Das Ursprungsbild ist ein möglicher Anfang, ein Potential, das ich mit verschiedenen Veränderungen zu entfalten versuche.

Stegmann: Welche Veränderungen?

Wick: Zum Beispiel Über- oder Unterbelichtungen, veränderte Kontraste und so weiter. Früher habe ich das im Fotolabor gemacht, heute geht das am Computer. Die technischen Verfahren ändern sich, die Suche ist dieselbe.

Stegmann: Und was ist ein «gültiges Bild»? Gibt es das überhaupt?

Wick: Gültige Bilder müssen verführen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und dies auf eine Weise, dass ihre Ausstrahlung nicht plötzlich erlischt. Als ersten Verführungsimpuls müssen sie so etwas sagen wie: «Hallo, schau mich an!» Je länger ich das Bild betrachte, desto weniger erkenne ich, worum es geht, desto stärker entzieht sich der Inhalt, desto mehr werde ich jedoch involviert. So kommt es zu einer Begegnung mit sich selbst. Das Bild ist dafür der Anlass. Ich wehre mich, dass man etwas in die Bilder hinein interpretiert. Über das gültige Bild gibt es nur zu sagen: Das Bild ist ein Bild, es ist so selbstverständlich, dass ich es nicht hinterfragen muss.

Markus Stegmann, Dozent für Kunsttheorie, HGK FHNW, Basel, www.markusstegmann.ch

Bis: 05.01.2014


Cécile Wick (*1954 in Muri AG), lebt in Zürich

1974-1978 Studium der Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Theaterwissenschaften
an den Universitäten Zürich und Paris
1996 Master of Fine Arts, University of California, Davis
Seit 1998 ‹F.I.R.M.A.› mit Peter Radelfinger
2003 Kunstpreis des Kantons Zürich
Seit 1994 Professur für Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)
Studienaufenthalte in New York, Paris, Rom und Kairo



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Andreas Hofer, Cécile Wick [29.09.13-05.01.14]
Video Video
Institutionen Kunst(Zeug)Haus [Rapperswil-Jona/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Cécile Wick
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