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Besprechung
11.2013


Markus Stegmann :  In ihrer aktuellen Ausstellung stellt Sonja Feldmeier Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen einander gegenüber. Der subtile Dialog der Werke führt in ein geheimnisvolles Terrain, in welchem sich das Individuum von seiner Selbstbezogenheit löst und in einem grösseren Zusammenhang aufgeht.


Basel : Sonja Feldmeier - Irrlichternde Sternenschlitten


  
links: Sonja Feldmeier · Moonrucker, 2010/13, frisiertes Moped, Hirschgeweih, Strass, Kabelbinder, ca. 2,60x2,0x5,5 m
rechts: Sonja Feldmeier · The End of the Rainbow/Barbara, 1999, Malerei und Airbrush auf MDF, Ø 128x0,5 cm


Ein aufgedonnertes Moped kommt auf uns zu, zieht einen langen Schweif Geweihe hinter sich her. Ein Sternenschlitten, ein Komet. So also sah der Traum motorisierter Jugend aus: ein verchromter Tank, ein hochgezogener «Geweih»-Lenker, vom frisierten Motor ganz zu schweigen, dessen Leistung wir natürlich nicht taxieren können. Immerhin stammt er von «Moto Morini», jener legendären Motorradschmiede in Bologna, die in den Siebzigerjahren filigrane Motorräder produzierte.Die «Stümpfe» der Geweihe sind mit Strass-Kristallen besetzt, die wie überdimensionale Diamanten schimmern und derart zauberhaft die «Wunden» der Geweihe bzw. der Hirsche «heilen». Auch der Scheinwerfer des Mopeds ist mit Kristallen belegt und irrlichtert gemeinsam mit den glitzernden Geweihstümpfen mehr, als dass er die Strasse ordentlich erhellen würde. So verlässt das fetischhaft verehrte Moped das machistische Lebensgefühl seiner Epoche und wandelt sich zu einem traumwandlerischen, ausserirdischen Gefährt. Der Titel ‹Moonrucker› lässt an James Bonds «Moonraker» von 1979 denken und betont die phantastische Dimension der Installation.
Dem extrovertierten Moped von Sonja Feldmeier (*1965, Männedorf) stehen überdimensionale Augen gegenüber, entstanden 1998/99. Näher können wir einer Person kaum sein, und doch sind wir unendlich weit entfernt: Zwar erkennen wir alle Adern und Fasern der Iris überdeutlich, schauen weit ins bodenlose Schwarz der Pupille, aber wir sehen das Gegenüber nicht, im Gegenteil: Obgleich Augen ganz bestimmter Personen dargestellt sind, führen die Bilder paradoxerweise fort vom Individuum und münden in die Vorstellung elementarer Energien: Die Strukturen der Iris lassen sich nicht nur als Details eines menschlichen Auges lesen, sondern auch als strömendes Wasser, flackerndes Feuer, magisches Polarlicht oder als Eruptionen der Sonne. Unter dem schönen Titel ‹The End of the Rainbow›, eine Anspielung auf die Regenbogenhaut (Iris), löst Feldmeier ausgerechnet die menschlichen Augen, gemeinhin als «Spiegel der Seele» verstanden, aus ihrem selbstbezogenen Kontext, und dies in einer auf oberflächliche Schönheit fixierten Zeit. Die Person verflüchtigt sich: Beinahe ununterscheidbar fliessen Individuum und Kosmos ineinander. Eine überraschende Metapher für Unendlichkeit - auch nach 15 Jahren noch.

Bis: 29.03.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Sonja Feldmeier [07.09.13-12.04.14]
Institutionen John Schmid [Basel/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Sonja Feldmeier
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