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Besprechung
11.2013


Anna Francke :  Als parasitär bezeichnet Yorgos Sapountzis seine performativen und installativen Aneignungsverfahren, in denen er mit Denkmälern interagiert. Ausgangspunkt seiner Ausstellung im Kunsthaus Glarus sind Skulpturen aus der Sammlung, die er vom Depot an die Fensterfronten holt.


Zürich/Glarus : Yorgos Sapountzis - Neues Leben für Denkmäler und Nippes


  
Yorgos Sapountzis · Urnerknabe am Schaufenster/Empathie, 2013, Kunsthaus Glarus. Foto: Gunnar Meier


Ohne das «Schaufenster» im Ausstellungstitel ‹Urnerknabe am Schaufenster/Empathie› würde sich dieser wie ein leicht angestaubter allegorischer Werktitel lesen. Doch gerade der sprachliche Einschub als Kuckucksei ist für die Praxis des in Berlin lebenden Griechen Yorgos Sapountzis (*1976, Athen) bezeichnend. Statt bei Monumenten im öffentlichen Raum - wie in einer Performance mit Prozessionscharakter zum ‹Höllentor› von Auguste Rodin in Zürich, 2011 - setzt er in der dreigeschossigen Ausstellung bei figurativen Bronzeskulpturen aus dem 20. Jahrhundert an, die meist seit Jahren nicht mehr gezeigt wurden. Aus seinen bevorzugten, leicht handhabbaren Materialien wie Stoff, Alustangen und Klebeband hat er eine improvisierte Displaystruktur erstellt, die als eigenwillige Schaufensterinszenierung den Seitenlichtsaal einnimmt. Unter den zwei Dutzend zu den Fensterfassaden gerichteten, auf drapierten Tüchern arrangierten Exponaten befindet sich auch der titelgebende ‹Urnerknabe› von Ernst Thomas Gubler (1895-1958). Was einem im Ausstellungsraum vorenthalten wird, die Sicht auf die «Schauseite» der nachts beleuchteten Szenerie, ist vom Park aus möglich. So werden innen und aussen, alt und neu, museale und kommerzielle Begehrlichkeit weckende Präsentation miteinander verwoben.
Auch im reduzierter bespielten Oberlichtsaal sind Skulpturen aus der Sammlung präsent, in Form von Abgüssen von Körperteilen in brüchigen Konstrukten aus Gips und Alu. Und ein bisschen Chaos findet sich auch hier: Ein Paravent verbirgt Reste der Arbeit vor Ort wie Gipsbeine, Eimer oder Plastikfolie. Im Untergeschoss sind schliesslich Videoprojektionen von nächtlichen Aktionen der letzten Jahre vereint.
Sapountzis nimmt Artefakte nicht über ihre (kunst-)historische oder politische Dimension in Beschlag, sondern über affektive Verfahren, so auch über Empathie. Das Einfühlungsvermögen galt im späten 19. Jahrhundert als Rezeptionsansatz, bei dem unbelebten Werken Gefühle zugewiesen und diese so beseelt wurden. Sa­pountzis zeitgenössischer, experimentell-parasitärer Umgang mit Energien von Objekten weist zudem egalitäre Züge auf, sind doch weder monumentale Denkmäler noch die Nippessammlung seiner Mutter im Video ‹Knock Knock Monument›, 2004, vor ihm sicher. Mit tradierten Rezeptionsverfahren wie der Imagination oder der Kopie schenkt er diesen ein neues, spielerisch respektloses Eigenleben.

Bis: 24.11.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Martin Beck, Yorgos Sapountzis [01.09.13-24.11.13]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Institutionen Freymond-Guth Fine Arts [Zürich/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Yorgos Sapountzis
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