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Besprechung
11.2013


J. Emil Sennewald :  Ein junger Mann mit blauem Auge, eine nackte junge Frau, eine andere hinter einer Kaugummiblase - Roe Ethridges Werbeplakate wecken Neugier darauf, wie sich Gunnar B. Kvaran das ­Geschichtenerzählen und seine Strukturen vornimmt. Vor Ort enttäuscht nicht nur der Mangel an rotem Faden.


Lyon : 12. Lyon-Biennale - Entre-temps..., brusquement, et ensuite


  
Yoko Ono · My mommy is beautiful, 1997, Poster, Courtesy Blaise Adilon


Dieser Biennale fehlt es an Kohärenz und Vertiefung des angekündigten Themas: Storytelling. Nur einige Werke bearbeiten das Narrative. So der gelungene Beitrag von Paul Chan, der ein Schattenspiel-Video mit einem Alphabet ekstatischer Äus­serungen zu einer neuen Form visueller Dichtung verbindet. Oder Ming Wong, der in herrlicher Travestie mit einer Videoinstallation die Tele-Soap dekonstruiert. Oder Lili Reynaud Dewar, die nackt und schwarz angemalt durch moderne Skulpturen tanzend die Geschichte der Bildhauerei vom Kopf auf die Füsse stellt. Viele andere Arbeiten sind nur mit mentalen Pirouetten dem Thema der Biennale zuzuordnen, Auswahl und Abfolge bleiben unklar, das Ganze enttäuscht, aus diversen Gründen:
Historische Unkenntnis - Tom Sachs empfängt mit einem Schiff mit rosa Segeln. Darin sind Barbie-Puppen eingesperrt. Mit ‹Barbie Slave Ship› erzähle er die dunkle Geschichte der USA anhand von Konsumartikeln. Ob es ihm auch um Klaus Barbie, um die dunkle Geschichte Lyons gehe? - ‹Who is Klaus Barbie?› fragt er verdutzt.
Kritische Nachlässigkeit - Für den Katalog habe er, berichtet der Kurator Kvaran, auf der ganzen Welt nach Kritikern gesucht, die über narrative Strukturen schreiben könnten. Ausser in Quebec habe er keine gefunden. Also liess er die Künstler selbst schreiben: «Die können das heute sehr gut.» Narratologie gibt es seit 1915, seit den Fünfzigern ist Erzähltheorie weltweit Forschungsdisziplin. 2008 wurde ‹La Figuration narrative› im Grand Palais ausgestellt und breit diskutiert. Auch Künstler, die wie Tom McCarthy oder Kenneth Goldsmith Romane oder Poesie schreiben, fehlen.
Aktualität - Kvaran, seit 2001 Direktor des privaten Museums Astrup Fearnley in Oslo, will für Lyon aktuellste Positionen zusammengestellt haben. Die hier präsentierten Historienbilder vom Thiago Martins de Melos gehören sicher nicht dazu. Ihn und andere Brasilianer dennoch nach Lyon zu bringen, ist für Kvaran einfach praktisch: Alle nehmen auch an der kommenden Ausstellung ‹Imagine Brazil› im Astrup Fearnley teil (10.10.-2.3.) und sind auch in der hauseigenen Sammlung vertreten.
All das mag als Panne im Betrieb, als Missverständnis oder Nutzung von Synergien abgetan werden. Wäre die Geschichte dieser Biennale intakt und fesselnd, fiele es nicht einmal auf. So aber folgt auf Enttäuschung Frustration. Und aus dieser, sagt uns das Lehrbuch in Psychologie, erwächst Aggression. Vielleicht bricht in Lyon hier und da die Wut der Enttäuschten aus. Dann gäbe es was zu erzählen.

Bis: 05.01.2014


Fondation Bullukian und weitere Orte



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen XII Biennale de Lyon [12.09.13-05.01.14]
Institutionen La Sucrière [Lyon/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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