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Besprechung
11.2013


Sarah Merten :  Es braucht nicht immer aktuelles Bildgeschehen, um wirtschaftliche und soziale Zustände der Jetztzeit zu reflektieren. Alexandra Navratil verwendet vorwiegend historisches Bildmaterial und veraltete Projektionstechniken für einen komplexen, aber präzisen Kommentar zur globalisierten Warenproduktion.


Winterthur : Alexandra Navratil - Warenfetischismus ohne Schranken


  
Alexandra Navratil · Ohne Titel, 2013, Filmstill aus Video HD, 3D-Animation, Farbe/Ton, 5'20'


Vorweggenommen sei zunächst, dass es sich bei der ersten Schweizer Einzelausstellung von Alexandra Navratil (*1978) anlässlich des Manor Kunstpreises des Kantons Zürich um eine kuratorisch betörende Setzung handelt und keineswegs um die Wiedergabe einer verstaubten Geschichtslektion im künstlerischen Gewand. Verschiedene Projektoren vom analogen Carousel-Dia über 16-mm-Film zu digitalem Beamer fügen sich im abgedunkelten Raum zu einer räumlichen wie inhaltlichen Gesamtkomposition - Autobeleuchtung durch die Projektionsflächen inbegriffen. Das fortwährende Rattern der Geräte verspricht rege visuelle Abwechslung, und tatsächlich wird das Auge sofort in den Bann von unzähligen Archivbildern mysteriös anmutender Warenpräsentation gezogen, die in Endlosschlaufe durch zwei Diaprojektoren drehen. In ‹Modern Magic› bieten körperlose Hände der Kamera diverse Werkstoffe dar. Meist bleibt deren spätere Verwendung unklar, die Qualität aber ist gesichert: Materialeigenschaften werden vorgeführt, es wird gebogen, gedrückt und gefächert. Die Fotografien entstammen einer technischen Fachzeitschrift und dokumentieren den industriellen Fortschritt zu Beginn der synthetischen Kunststoffherstellung. Im Ausstellungsraum werden sie zu objekthaften Stellvertretern einer uneingeschränkten Warenproduktion, die ebenso begehrenswert wie vollkommen nutzlos erscheint.
Berechtigte Fragezeichen zur Nutzung wirft auch ‹Ohne Titel›, die 3D-Animation einer architektonischen Visualisierung, auf. Untermalt von sphärischen Klängen gleitet die Kamera ziellos durch klinisch weisse, leere Räume, die mit Merkmalen wie geschwungenen Desks oder endlosen Regalen an Warenhäuser und Durchgangshallen in Flughäfen erinnert. Vor dem inneren Auge füllen sich die Regale mit jenen Waren, deren Unentbehrlichkeit uns ‹Modern Magic› weismachen wollte, und man begreift die Gradlinigkeit des gesteigerten Warenfetischismus bis in die heutige Zeit. Dass der synthetischen Werkstoffherstellung aber eine mehr als unlautere Vergangenheit zu Grunde liegt, verhandelt die Videocollage ‹Views (This Formless Thing)›, welche zweierlei Genres des frühen Stummfilmkinos mischt. Dokumentationen von hiesigen Modeschauen stellen neben exotisierenden Aufnahmen «fremdländischer» Menschen die Frage nach den Bedingungen zur Gewinnung von natürlichen Rohstoffen und erhellen die Zusammenhänge zwischen kolonialer Ausbeutung und unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft.

Bis: 08.12.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Alexandra Navratil [23.08.13-08.12.13]
Institutionen Kunst Museum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Sarah Merten
Künstler/in Alexandra Navratil
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