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Besprechung
11.2013


Esther Banz :  Der Schweizer Fotograf Lukas Felzmann studierte auf den streng geschützten Farallon-Inseln Vögel und was sie sich einverleiben. Ein Fund namens «Gull Juju» machte ihn zum Zeugen einer seltsamen Mensch-Vogel-Berührung. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fotostiftung in Winterthur zu sehen.


Winterthur : Lukas Felzmann - Der (unsichtbare) Mensch und die Natur


  
Lukas Felzmann · Gull Juju (Serie), Farallon-Inseln, 2013


Der Mensch produziert Abfall und dieser landet manchmal an seltsamen Orten. So treibt mitten im Pazifik der «Great Pacific Garbage Patch», eine gigantische Ansammlung aus Plastikprodukten. Und ebenfalls im Pazifik, auf den kleinen und unbewohnten Farallon-Inseln, finden amerikanische Forscher menschliche Hinterlassenschaften in den Nestern der Möwen. Die Vögel picken sie auf dem Festland auf, verschlucken und transportieren sie auf die Insel, wo sie sie wieder hervorwürgen. Weshalb sie das tun, wissen die Forscher nicht. Einer von ihnen hat eine Schachtel mit «Gull Juju» beschriftet und angefangen, die Objekte darin zu sammeln. Der 54-jährige Fotograf Lukas Felzmann, der mit einer Sonderbewilligung mehrere Tage auf der Insel verbringen konnte, fand die Schachtel und beschloss, die Funde - Kugeln, Spielzeuge, Puppen-Überbleibsel, eine kaputte Kreditkarte, ein Mascara und vieles mehr - Stück für Stück zu fotografieren, «alle zusammen, weil die Vögel ja bereits die Auswahl getroffen hatten».
Die Bilder hängen nun mit ebenfalls gestochen scharfen Aufnahmen der Insel und ihren unzähligen Vögeln in der Fotostiftung in Winterthur. Dort aber nicht etwa grossformatig, wie man vermuten würde, sondern im Original-Fachkamera-Format in einem schmalen Flur. Für die Enge hat sich Felzmann entschieden, um die Leute quasi zu zwingen, ganz nah an die Bilder ranzugehen. Auf diesen tauchen nirgendwo Menschen auf - aber sie sind stets präsent. Das ist typisch für Felzmann, der sich schon seit vielen Jahren mit Mensch und Landschaft beschäftigt - respektive damit, wie der Mensch seine Umwelt formt und was er in ihr hinterlässt. So erzählt er in seiner letzten Arbeit ‹Sacramento Valley› die Geschichte eines Tales, das dank immer wieder auftretender Überschwemmungen höchst fruchtbar wurde, und in dem der - davon profitierende - Mensch heute gleichzeitig versucht, sich und sein Land vor den im Moment verheerenden Überschwemmungen zu schützen. Weite, Zeit und Geduld bestimmen die Arbeit des aus dem Kanton Zürich stammenden Künstlers, der sich für Form und Architektur in der Natur interessiert. Das sind grosse, nicht einfach abzuschliessende Themen. Auch deswegen war «Gull Juju» eine dankbare Arbeit, sagt Felzmann: Sowohl zeitlich als auch räumlich war sie sehr beschränkt. Dazu passt ihr bescheidener Auftritt im Kulturherbst: In der räumlichen Enge möchte man ewig verweilen und über das Gesehene hernach episch erzählen.

Bis: 23.02.2014



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Lukas Felzmann [07.09.13-23.02.14]
Institutionen Fotostiftung Schweiz [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Esther Banz
Künstler/in Lukas Felzmann
Link http://www.kulturherbst.ch
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