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Fokus
11.2013


 Ein Unbehagen gegenüber erstarrten Erzählmustern und einer eindeutigen Zuschreibung von Bedeutungen prägen die Werke von Cat Tuong Nguyen. Statt sich festzulegen, entwirft der Künstler Konstellationen aus Verweisen, Bedeutungsfragmenten und kulturellen Versatzstücken. Der Beitrag im Rahmen der Gruppenausstellung ‹Black Magic› im Helmhaus in Zürich bietet Anlass, einige Deutungslinien durch Nguyens multimediales Vorgehen zu ziehen.


Cat Tuong Nguyen - Um das Schwarze Quadrat tanzen


von: Pablo Müller

  
links: Full Metal Jacket Reenactment Dance of a Vietnamese Immigrant as a Dog and an American ­Immigrant as a Tiger around a Black Square, 2012, Video, Farbe, 7'40'
rechts: Pinkville, 2013, Farbe; Subway Utopia next to Gas Line, 2013, Duratrans Print auf Acrylglas, je 83,5x112 cm, Neon und Metallhalter, Installationsansicht Helmhaus Zürich


Das Video zeigt den Blick in ein Atelier. Maskiert mit einem Tigerkopf schreitet jemand ein schwarzes, am Boden liegendes Quadrat ab. Eine zweite Person kommt ins Bild. Sie zupft das Hundekostüm, in dem sie steckt, zurecht und gesellt sich zu der Szene. Die beiden Figuren gestikulieren und treten mit schlaksigen Bewegungen in eine groteske Interaktion miteinander und mit der am Boden liegenden, geometrischen, schwarzen Form.
Im Video mit dem langen Titel ‹Full Metal Jacket Reenactments Dance of a Vietnamese Immigrant as a Dog and an American Immigrant as a Tiger around a Black Square›, 2012, verbindet der in Zürich lebende Cat Tuong Nguyen zwei Embleme der Kunstgeschichte - das Schwarze Quadrat von Kasimir Malevich und die frühen Studio-Performances von Bruce Nauman - und kombiniert diese mit popkulturellen Versatzstücken zu einem absurden Reigen in der globalisierten Gegenwart.
Das von Kasimir Malevich 1915 erstmals ausgestellte Schwarze Quadrat gilt in der Kunstgeschichte als zentrales Referenzwerk für die Abstraktion in der Moderne. Nguyen reproduziert diese Ikone in einem Stück schwarzer Plastikfolie und funktioniert sie zu einer Bühne um. Der um dieses Referenzwerk herum aufgeführte Tanz erinnert an Bruce Naumans performative Studien. Nauman schlug in den späten Sechzigerjahren mit seinen durch die Minimal Art beeinflussten, repetitiven, gleichsam vermessenden Bewegungsstudien eine performative Brücke zu Kasimir Malevichs Suche nach einer reinen Form. In der slapstickartigen Aneignung kritisiert Nguyen die vorgezeichnete konzeptionelle Strenge der historischen Vorläufer. Dabei konfrontiert er eine am Formalen orientierte künstlerische Sprache mit Momenten der kulturellen Überlagerung und übersetzt sie so in die Gegenwart.

Flickwerk kultureller Versatzstücke
Cat Tuong Nguyen kombiniert Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, und setzt eine künstlerische Befragung in Gang. Spielfilme, Bilder aus Nachrichten- und Modemagazinen, Abbildungen aus kunsthistorischen und ethnografischen Publikationen, Texte aus psychologischen Lehrbüchern bilden dabei das Ausgangsmaterial. Zuweilen entwickeln die so entstehenden Konstellationen eine unüberschaubare Fülle von Bedeutungsebenen und Verweisen. Die hergestellte Erzählung verliert ihren Lauf, wird unterbrochen und beginnt von Neuem an einer anderen Stelle. Nicht nur die Erzählung selbst ist bei Nguyen unterbrochen, auch sind die Werke in ihrer Erscheinung durch eine Mehrteiligkeit gekennzeichnet. Eine Art Flickwerk kultureller Versatzstücke, die in unterschiedliche Beziehungen miteinander treten und so immer wieder neue Bedeutungen generieren können. Dem entspricht der Einsatz von unterschiedlichsten Medien. Wie in ‹Full Metal Jacket Reenactments....›, in der die künstlerische Bearbeitung in Form einer performativen Übersetzung stattfindet, setzt der Künstler immer wieder seinen Körper ins Bild.
In der Aktion ‹Milgram's Wake› richtete Nguyen im Kunsthaus Zürich eine Art Sweatshop-Produktionsstätte ein. In dieser performativen Aktion kopierte er mit seinen Mitarbeitern Bilder und Texte aus psychologischen Lehrbüchern, nähte sie auf alte Stoffreste und bot die so entstandenen Bildwerke den Besucher/innen zum Kauf an. Die Einnahmen gingen als Spende an das Kantha Bopha Children's Hospital in Kambodscha.

Biografie als Bedeutungsträger

Man ist versucht, die gebrochenen Erzählungen und die fragmentierte Bildsprache mit Nguyens durch Migration und Flucht geprägter Lebensgeschichte zu verknüpfen. Die Eroberung von Südvietnam durch die Vietcong nach dem Abzug der Amerikaner zwang die Eltern zur Flucht. Cat Tuong Nguyen blieb als Siebenjähriger in Vietnam zurück und lebte mit seiner Schwester bei Verwandten in Saigon. Die Eltern liessen sich in Paris nieder. Erst 1981, also als Nguyen zwölf Jahre alt war, fand die Familie in Bern wieder zusammen.
Diese Ereignisse dienen dem Künstler als wiederkehrendes Bezugsfeld und als Bedeutungsträger. Doch welche Rolle diese persönliche Erfahrung tatsächlich für die künstlerische Arbeit spielt, bleibt unklar. So berichtet der Künstler zu den in der Dämmerung aufgenommenen Fotografien ‹Strand 76-11›, 2011, es handle sich um den Strandabschnitt auf der Insel Phu Quoc, von dem aus am 6.12.1976 seine Eltern geflohen seien. Die düsteren Schwarzweissbilder selbst sind schwer zu entziffern und lassen kaum eine geografische Verortung zu. Die biografische Referenz dient hier eher der Untersuchung der suggestiven Kraft des Mediums Fotografie und ihrer Bedeutung bei der Konstruktion einer Narration.
Das Spiel mit Darstellungen, sei dies in Bezug auf die Geschichte der Kunst wie in ‹Full Metal Jacket Reenactments...› oder in Bezug auf mediale Möglichkeiten wie in der Strand-Serie, deutet eine grundlegende Skepsis gegenüber Bildern an. Welche Dinge werden sichtbar, welche bleiben unsichtbar? Welche Rolle spielen Bilder bei der Herstellung von kultureller Kohärenz? Wie wird Bedeutung produziert und in welchem Verhältnis steht sie zum eigentlichen Ereignis?
Vom Medium der Fotografie herkommend ist Nguyen in der Herstellung von Bildern geschult und auf deren konstruktive Möglichkeit sensibilisiert. In der Folge hat er diese Sensibilität auf andere Medien übertragen und die Untersuchung der Funktion von Bildern in der kulturellen Repräsentation zu einem zentralen Fokus seiner Arbeit entwickelt.
In der Ausstellung ‹Black Magic› im Helmhaus Zürich erprobt Nguyen die Möglichkeit der Darstellung eines traumatischen Ereignisse. Als «Ein-Meter-Trauma» bezeichnet er die Skulptur ‹Entwurf US Charity Hospital Son My/Charity oder seine eigenen Wunden lecken›. Zwei Krücken, die jeweils am Ende dieses Meters sich abzeichnen, bilden die Form der aus dem gipsähnlichen Material Acrystal gegossenen Arbeit. Normalerweise hängen zwischen solchen Krücken Kriegsversehrte. Nguyen hat aus diesem Zwischenraum eine skulpturale Form und damit eine Art Denkmal für das durch Krieg verursachte Leiden geschaffen. Oder, wie der Werktitel suggeriert, ein Architekturmodell für ein Spital im südvietnamesischen Son My. Dort wurde 1968 von US-Truppen ein verheerendes Massaker begangen.

Jenseits einer kulturellen Festschreibung
Während der Entstehung dieser Skulptur hat der Künstler mit der Kamera Aufnahmen von ihrem Innenraum gemacht. Diese geben den Blick frei auf einen unbestimmbaren Raum, dessen Atmosphäre von Enge und Ausweglosigkeit an die begehbaren, klaustrobophobischen Räume von Bruce Nauman erinnert. Jedoch will Nguyen mit dieser skulpturalen Leerstelle nicht so sehr ein psychisches Leiden körperlich erfahrbar machen, mehr noch geht es ihm darum, dem unaussprechlichen, durch Krieg und Zerstörung verursachten Leiden einen bildlichen Platzhalter zu geben.
Auf die dramatischen Folgen, die eine formalisierte Darstellung der Welt haben kann, verweist die im Eingangsbereich des Helmhauses angebrachte Arbeit ‹Pink­ville›. Im Vietnamkrieg verwendeten die US-Truppen für eine einfachere Verständigung eine Codesprache. Dörfer, in denen sie Vietcong-Kämpfer vermuteten, wurden auf strategischen Landkarten pink gekennzeichnet und dann umgangssprachlich «Pinkville» genannt. Allerdings führte diese vereinfachende Kodierung bisweilen zu Verwechslungen, was 1968 mit der Grund war für ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Im Helmhaus verweist nur noch der Werktitel auf diese tragische Geschichte. Die Farbe Pink wurde in Form von bemalten Säulen im Eingangsbereich des Helmhauses als lediglich dekoratives Element genutzt.
Mit ihrem bildkritischen Kern verweisen die Werke von Cat Tuong Nguyen auf eine tiefe Skepsis gegenüber kulturellen Festschreibungen und in sich geschlossene Narrative. Stattdessen öffnen die Werke in ihrer mehrschichtigen Bedeutungsstruktur, welche die Vielheit und Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Erfahrung einzubeziehen versucht, womöglich eine Perspektive auf eine Kohärenz jenseits der eindeutigen Zuschreibung.
Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt in Zürich und New York. pablomueller@gmx.net

Bis: 17.01.2013


Cat Tuong Nguyen (*1969 in Ban Me Thuot, Vietnam) lebt und arbeitet in Zürich

1993-1998 Studium der Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich
Seit 2007 Gastdozent an der F+F Zürich und der ZHdK

Einzelausstellungen
2009 Dienstgebäude Zürich
2010 Kunst(zeug)Haus, Rapperswil
2011 Bezalel Academy of Arts and Design, Bezalel Gallery, Tel Aviv
2012 Galerie Christinger de Mayo, Zürich
2013 Helmhaus Zürich



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen A.C. Kupper, Cat Tuong Nguyen, Christian Vetter [27.09.13-17.11.13]
Ausstellungen Reimaging Urban Portraiture [16.10.13-17.01.14]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Institutionen City Hall [San Francisco/USA]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Cat Tuong Nguyen
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