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Besprechung
11.2013


Madeleine Panchaud de Bottens :  Das Kunsthaus Zürich zeigt die erste Einzelausstellung des holländischen Künstlerpaares Lonnie van Brummelen und Siebren de Haan in der Schweiz. Mit seinen Filminstallationen wirft es einen kritischen Blick auf Migrationsbewegungen und politisch-ökonomische Machtstrukturen.


Zürich : Van Brummelen & De Haan - Giganten in Nahaufnahme


  
links: Lonnie van Brummelen & Siebren de Haan · Monument to Another Man's Fatherland I: Revolt of the Giants - reconstructed from reproductions, 2008/2009, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Markus Bühler-Rasom
rechts: Lonnie van Brummelen & Siebren de Haan · subi dura a rubidus, 2010, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Markus Bühler-Rasom


Ausgangspunkt der Ausstellung ist die mehrteilige Filminstallation mit dem vielsagenden Titel ‹Monument to Another Man's Fatherland›, 2008-2012, die dem hellenistischen Pergamonaltar gewidmet ist. Dieser wurde nach der Ausgrabung in der Türkei im 19. Jh. den Berliner Museen zugesprochen. Lonnie van Brummelen (*1969) und Siebren de Haan (*1966) hatten ursprünglich vor, den Fries im Pergamonmuseum in Berlin zu filmen, doch das meistbesuchte Museum Deutschlands hat ihnen keine Filmerlaubnis erteilt, weil es Diskussionen zu Fragen der Repatriierung dieses Weltkulturerbes ausweichen wollte. Deshalb filmten die beiden den Fries aus akademischen Publikationen aufwändig ab, um ihn in ihrem 35-mm-Schwarzweissfilm als Collage zu rekonstruieren. Die Kamera tastet den Marmorfries mit der Gigantomachie in langsamen Nahaufnahmen ab. Die behutsame Bewegung wird abrupt unterbrochen vom Wechsel zur nächsten Bildvorlage - Filmschnitte, die einem die kulturpolitisch brisanten Umstände bildhaft vor Augen führen. Zudem sind auf Tafeln an den Wänden die verschiedenen Literaturquellen detailliert dokumentiert.
Daneben läuft ein 16-mm-Schwarzweissfilm, in welchem junge Türken kunsthistorische Beschreibungen des Frieses in gebrochenem Deutsch vorlesen. Die Porträtierten sind Schüler/innen eines Deutschkurses am Goethe-Institut in Istanbul und beabsichtigen, nach Deutschland auszuwandern. Auf der Filmklappe erscheinen ihre Namen - Duygu, Erdal, Emine, Murat, Yalcim - und dann ihr Gesicht, ernst, konzentriert, Blick in die Kamera. Manchmal kann man kein Wort verstehen, manchmal schon, etwa das düstere Omen: «Der Gigant ist unsterblich, solange er sich in seinem Geburtsland aufhält.» Der Film verweist auf verschärfte Einwanderungsgesetze in Europa - so mit obligatorischen Sprachkursen - und drängt uns dazu, angesichts der hier individuell Porträtierten über deren ungewisses Schicksal nachzudenken.
‹Subi dura a rudibus›, 2010, widmet sich der Eroberung von Tunis durch Kaiser Karl V., dargestellt auf Tapisserien des 16. Jh. nach Zeichnungen des mit dem Heer mitgereisten holländischen Malers Cornelis Vermeyen. Zwei Projektoren zeigen parallel Skizze und Tapisserie - als soghafte und beklemmende Abfolge von Nahaufnahmen von Frauen mit schreckverzerrten Gesichtern, kämpfenden Männern, an der Mittelachse gespiegelt, sodass sich manchmal doppelköpfige Wesen ergeben, beängstigende Schlachtgespenster, die langsam zusammenwachsen.

Bis: 10.11.2013


Filmpremiere und Künstlergespräch, 1.11., 18 Uhr



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Lonnie van Brummelen, Siebren de Haan [06.09.13-10.11.13]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Madeleine Panchaud de Bottens
Künstler/in Lonnie van Brummelen
Künstler/in Siebren de Haan
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