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Besprechung
11.2013


Daniel Morgenthaler :  Der White Cube, gemeinhin ein Ort fern juristischer Belange, ist für einmal mit Gesetzen gefüllt. Die Londoner Künstlerin Carey Young bringt im Migros Museum für Gegenwartskunst erstmals ihre Arbeiten zusammen, die sich mit Rechtstexten und Gesetzestermini befassen.


Zürich : Carey Young - Kraft meines Amtes als Künstlerin


  
links: Carey Young · Terms and Conditions, 2004, Videostill, Courtesy Paula Cooper Gallery, New York im Migros Museum
rechts: Carey Young · Legal Fictions, 2013, Ausstellungsansicht, Migros Museum für Gegenwartskunst, Courtesy Paula Cooper Gallery, New York. Foto: Ilja Tschanen


Es ist eigentlich ein Untergenre von Science Fiction: Verfasser von «Disclaimers», Haftungsausschlüssen, schauen in die Zukunft - und sehen dabei lauter Unannehmlichkeiten und Gefahren. Um sich davor zu schützen, listen die Haftungsablehnungen diese Unannehmlichkeiten fein säuberlich auf. Was aber selbst die cleverste Juristin oder der Verfasser des Disclaimers einer Website nicht erahnen konnte: Dass die britische Künstlerin Carey Young diesen Text nehmen und daraus eine für sie ganz typische Arbeit schaffen wird - aktuell zu sehen in der Ausstellung ‹Legal Fictions› im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst.
Young hat für ‹Terms and Conditions›, 2004, eine Schauspielerin beauftragt, den Haftungsablehnungstext einer Website im Freien zu dramatisieren. Sobald diese «on this site» oder «from this site» liest, zeigt sie aber auf die Wiesen, die sie umgeben. «Site» kann im Englischen auch ein «Ort» ausserhalb des Webs sein - beziehungsweise war schon immer ein webexterner Ort, bevor er von der digitalen Revolution ins Netz gezogen wurde. So beziehen sich die Warnungen im Disclaimer auch auf die Landschaft. Dass man etwas «from the site» nicht vervielfältigen dürfe, bekommt durch die Klondiskussion plötzlich eine andere Dringlichkeit. Und dass sich jemand bemächtigt fühlt, einen Disclaimer für den «Ort» Erde zu verfassen, ist in unserer verwirtschaftlichten Welt auch nicht undenkbar. Ihr ultimatives Ziel hätte Young wohl erreicht, wenn sie einmal persönlich in einem Haftungsausschluss genannt würde.
‹Terms and Conditions› ist eine von zahlreichen Arbeiten Youngs, die mit der immer wieder bemerkenswerten Beziehung zwischen Sprache und Staatsgewalt spielen. Und in denen Young sich kraft ihres Amtes als Künstlerin zutraut, eigene Gesetze zu erlassen. Gesetze, die einerseits nur im Ausstellungsraum gelten, oder sogar nur in einer Ecke davon: Bei der neuen, bissigen Arbeit ‹Declared Void II› erklärt man sich durch Überschreiten einer dicken Linie zum Bürger der USA. Die andererseits aber auch immer dann zum Tragen kommen, wenn wir nichts sagen - was ja nicht selten der Fall ist: Trägt man ein Kärtchen auf sich, dass bei ‹Unintentional Silence›, 2013 auf einem Sockel zum Mitnehmen ausliegt, kann das eigene Schweigen automatisch als «unbeabsichtigt» gewertet werden. Das erinnert einen wohltuend daran, seine Stimme immer und immer wieder zu erheben - zum Beispiel gegen die Verwirtschaftlichung der Welt.

Bis: 10.11.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Carey Young [31.08.13-10.11.13]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Carey Young
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