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11.2013




Bern : Michael Meier&Christoph Franz


  
Michael Meier & Christoph Franz · Plan für ein Duplikat der oberen Spitze des Berner ­Münsters, 2013 ©ProLitteris


Vielleicht hätte sich das einstige Machtgefüge Berns länger halten können, wäre die Stadt auf Marmor anstelle des mürben Sandsteins gebaut. Denn ähnlich wie dem Stadtstaat allmählich Ländereien wegfielen, erwies sich auch der Baustoff aus Berner Sandstein als nicht sehr beständig. Zunächst genutzt zum Erbauen von Repräsentationsbauten und als Exportgut verwertet, zeigte sich alsbald, dass der lokale Stein irgendwann mehr den Restauratoren als den Postkartenfotografen Freude bereiten würde. Als lernfähige Baumeister erwiesen sich die Architekten und Steinmetze des Münsters in der Bundeshauptstadt, die 1893, rund dreihundert Jahre später, dem Gebäude den prominenten und höchsten Schweizer sakralen Spitz verliehen, denn sie verwendeten nun den witterungsbeständigeren niedersächsischen Sandstein für die restlichen rund vierzig Meter Turm. Die inkonsistente Materialwahl des Münsterturms dient aktuell dem umtriebigen Künstlerduo Michael Meier und Christoph Franz als Vorlage für ihren Beitrag im nomadisierenden Kunstprojekt ‹Ortsverein›. Anachronistisch liess das Künstlerduo die oberste Spitze des Kirchturms aus lokalem Sandstein originalgetreu hauen und platziert diesen rund 1 Meter hohen und 75 cm Durchmesser umfassenden Steinklotz nun im Projektraum der Galerie Béatrice Brunner, der dem Kurator Gabriel Flückiger zum dritten Mal als Austragungsort von ‹Ortsverein› dient. Eine Lager- und Transportkiste als Sockel mimt das abstrahierte Kirchenschiff und offeriert zugleich, wenigstens den Abschlussstein, die Helmspitze und damit den höchsten Punkt der Altstadt, aus lokalem Material zu formen. Damit aber widersprächen die Künstler dem vorherrschenden restauratorischen Prinzip, die historische Bausubstanz mittels aufwendigem Aufmörteln zu erhalten, anstatt wie früher Schadstellen abzuschlagen und neu anzufertigen. In Zeiten prekärer Finanzlagen thematisieren Meier/Franz denkmalpflegerische Dogmen. Ein Streitpunkt, der in der UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Bern gerne von rechts-liberaler Politik aufgegriffen wird, wenn nicht gerade die Schliessung der Reithalle oder Kunsthalle Thema sind. Mit ihren Recherche-basierten Arbeiten verknüpfen die beiden Künstler ortsbezogene historische Fakten mit zeitgenössischen Fragen, wie dem Umgang mit Kulturgut und der Musealisierung einer Stadt. Die formalisierten Fotografien von Rolf Siegenthaler, die zeitgleich in der Galerie gezeigt werden, bilden einen gelungenen Kontrast. Es sind vom Menschen gestaltete Landschaften die gerade durch die vorherrschenden Leerstellen ein grosses narratives Potenzial entfalten.

Bis: 08.11.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen R. Sigenthaler, Meier & Franz [11.10.13-08.11.13]
Institutionen Béatrice Brunner [Bern/Schweiz]
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