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Fokus
11.2013


 Wo immer Thomas Schüttes Figuren, Gesichter und Häuser auftreten, zeigen sie überraschende Masken oder Modelle des schwer Erträglichen, Grotesken und jüngst auch des Schönen. Es sind ungeregelte Zeitmetaphern, die unsere Vorstellung und Begrifflichkeiten verschieben, gerade weil sie die Verbindung zur figurativen Tradition der Erzählung erhalten. Mit ‹Faces and Figures› in der Fondation Beyeler und ‹Houses› im Kunstmuseum Luzern sind gegenwärtig zwei zentrale Aspekte von Schüttes Werk in der Schweiz neu zu entdecken.


Thomas Schütte - Hase und Häuser, Rückzug und Sprung


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Die Fremden, 1992, Glasierte Keramik, Lebensgrosse Figuren, Fondation Beyeler, Riehen/Basel ©ProLitteris. Foto: Andri Pol
rechts: Ferienhaus für Terroristen, 2009, (Modell 1:1), Holz, Stoff, 350x1800 cm (Höhe x Länge) ©ProLitteris. Foto: Nic Tenwiggenhorn


Hockt er da oder ist er bereit zum Sprung? ‹Hase›, 2013, die neuste Bronzeplastik, zeigt einen überlebensgrossen Erdgeist mit langen Ohren, einem Ziegenbart und einem Mund, aus dem er im Teich hinter der Fondation Beyeler Wasser speit. Eine Halloween-Maske mischt da Ostern auf. Bärtig, mit langem Haar, ein wenig erinnernd an Leonardo oder Dürer, erscheint auch die Figur des ‹Memorial for the Unknown Artist›, 2011. Dieses Denkmal des unbekannten Künstlers bezeichnet keinen namenlosen Helden, eher eine respektvoll tragische Figur, deren Arme sich steif, wie eingeschient nach einem Bruch, wieder aufrichten auf einem ovalen und prekär schiefen Stahl­sockel, der Kopf und Hände trennt und zugleich verbindet.
Beide Güsse gehen von sehr kleinen, vorgefundenen Modellen aus, und vereinen dadurch Fundstück mit künstlerischer Formfindung. Die meisten Figuren modelliert Schütte selbst mit Fingerspitzengefühl und in höchst eingenwilligen und unterschiedlichen Verfahrensweisen: So wurden die Gussvorlagen der ‹Frauen› von Hand aus Ton geformt, rasch, wie die Köpfe der ‹United Enemies› aus farbigem Fimo. Diejenigen der ‹Geister› sind aus Lumpen gedreht, während die bizarren Körper der ‹Krieger› ursprünglich aus triefendem Wachs an Schaschlickspiesschen und einem Drehverschluss entstanden. Der 3D- Scan liefert die Daten für eine Vergrösserung und die Steuerung der Fräsen, die schliesslich die knorrigen Kerle aus dem verleimten Holz schneiden. Erst eingeriebenes Leinöl verleiht ihnen schliesslich ihre glänzende Aura der Unantastbarkeit.

Befreite Modellierungen
Schütte kennt keine Scheu vor neuen oder «unzeitgemässen» Vorgehensweisen. Er verbindet die Spuren der Hand in Zeichnung und Plastik mit industriellen Fertigungstechniken, ohne dabei die Direktheit der Gestik zu verlieren. Seine Figuren sind eigenständige Mischlinge aus alltäglichen Beobachtungen und skulpturaler Tradition. So balancieren seine ‹Geister› zwischen Standbein und Spielbein und tanzen wie Michelin-Männchen, als halbstarke Popanze, die vom Sockel der Monumente auf den Asphalt der Passanten herabgestiegen sind.
«Nur exzentrische Formen lassen sich vergrössern», stellt Schütte fest. Eine seiner Referenzen ist das Museum Rietberg in Zürich, nicht zuletzt interessiert ihn dessen Sammlung von geschnitzten Masken aus dem Lötschental oder aus der Innerschweiz. Die Beziehung zur Moderne und deren Anleihen in der aussereuropäischen Kunst, die in der Fondation Beyeler exemplarisch vor Augen geführt werden, zeigen zudem für Schüttes Werke eine alternative kunsthistorische Leserichtung auf, die nicht dem gängigen programmatischen Ruf nach Innovation folgt. Im Kontext von Picasso oder Giacometti erscheinen seine Formen vielmehr als befreite Modellierungen eines scheinbar vertrauten Repertoires. Damit wird ihr Potential für weitreichende Verschiebungen innerhalb der Moderne deutlich.
‹Die Fremden› warten auf dem Dach in Riehen, wie sie seit der documenta 9, 1992, als versprengte Gruppe von Keramikgestalten auf dem Vordach des Kaufhauses Leffers in Kassel warten. Die runden Spielfiguren und ihr spärliches Gepäck sind unübersehbar auf der Kante platziert, an einem Ort, der äusserst prekär bleibt. Sie ­stehen auf Abruf bereit wie Menschen in den Transitzonen oder in den vernach­lässigten Vorstädten globaler Hubs: als Terrorverdächtige oder illegale Arbeits­kräfte. Der Philosoph Giorgio Agamben hat die Transitzonen, die Flüchtlingsunterkünfte und manche Banlieus als aktuelle Orte des permanenten Ausnahmezustands dargestellt, in dem jedes Gesetz aufgehoben ist und sich das «nackte ­Leben» des «homo sacer» schutzlos abspielt. Mitten in der Gesellschaft finde sich «eine das System überschreitende entortende Verortung, von der jede Lebensform und jede Rechtsnorm virtuell erfasst werden kann»: «Die zunehmende Entkoppelung von Geburt (nacktem Leben) und Nationalstaat ist das neue Faktum der Politik unserer Zeit».1
Schüttes Plastiken zeigen diese Hülle der Monumentalität von ‹Vater Staat›, die blasierte Anmassung der ‹Wichte› wie die gefährdete Existenz der ‹Fremden› jenseits jeden Rechts. Sie stellen die eigene Verfassung und den Ort in Frage, an dem sie auftreten. Dabei brechen vielfach auch der Humor und ein geistreicher Witz des Karikierens die Strenge eindimensionaler Botschaften: Der ‹Mann im Matsch mit Hund› ist von tragikomischer Gestalt.

Häuser als Rückzugsräume
Fast gleichzeitig versammelt das Kunstmuseum Luzern in einer umfassenden Ausstellung die ‹Houses›, die seit den frühen Achtzigerjahren dieses Werk wie ein Leitmotiv durchziehen. Hier werden die Aktions- und Rückzugsräume der Figuren mit bedacht. Den Wunsch nach inneren Bildern und Mikroentwürfen der «Welt», der augenblicklich wieder von der Biennale Venedig ausgeht, hat sich Schütte schon lange in seinen Raumskizzen und detaillierten Interieurs erfüllt. Die kameraartigen ‹One Man Houses›, das spitzwinklige ‹Ferienhaus für Terroristen›, der lichtdurchflutete Würfel von ‹Ackermanns Tempel› oder die leichthin geschwungene ‹Skulpturenhalle› stehen als modellhafte Realisationen heute sogar in einer Beziehung zu realen Landschaften. Dabei versetzt der Blick aus dem Gartenpavillon oder dem Ferienhaus in Lebensgrösse das Vorstellungsbild noch einmal in eine andere Dimension: Selbst fest Gebautes erscheint wieder in der Möglichkeitsform.
Durch die beiden Ausstellungen in Basel und Luzern bleiben ‹Häuser› und ‹Figuren› als eigenständige Felder in Schüttes Werk erkennbar. Was sie verbindet, ist die spezifische Form einer Protoerzählung, die gerade noch nicht begonnen hat oder soeben beendet scheint. Immer anders dürfen wir uns das Bewohnen der Häuser wie die Behausungen der Figuren selbst vorstellen.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen
Es ist kein Zufall, dass Schütte nun auch in der Schweiz prominent gezeigt wird. Immerhin hat eine erste wichtige Einzelausstellung bei Ulrich Loock in der Kunsthalle Bern 1989 stattgefunden und eine weitere 2003 bei Dieter Schwarz im Kunstmuseum Winterthur. Schüttes Werk wird heute breit diskutiert. Dass Berühmtheit den Blick auf die feineren Qualitäten eines Werks verstellen kann, macht uns der Betrieb lautstark bewusst. Da lohnt es sich, noch einmal genau hinzuschauen auf die Nuancen in den konkreten Formen: den Verlauf der Schlaufen bei den Stricken, mit denen die ‹United Enemies› untrennbar zusammengeschnürt werden, oder das gefilterte Licht und die Details der Einrichtung im ‹Ferienhaus für Terroristen›.
Schütte ist ein Künstler, der stets die Konfrontation mit der Geschichte wagt, indem er sich traditionelle Techniken und Genres bewusst wieder aneignet, oft zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch den Tabus der sich ansonsten so «tabulos» gebenden Szenen unterliegen. Nun sieht er sich selbst mit seiner eigenen Geschichtlichkeit konfrontiert. Nur: Leicht werden sich Hase und Häuser nicht an einem einzigen historisch definierten Ort festschreiben lassen.
Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker und Dozent in Bern. hreust@bluewin.ch
1 Giorgio Agamben, Homo sacer, Die Souveränität der Macht und das nackte Leben, Torino 1995, dt. Frankfurt/M., 2002, S. 185

Bis: 23.03.2013


Thomas Schütte (*1954, Oldenburg)

1973-1981 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler und Gerhard Richter
2005 Goldener Löwe für die Präsentation an der Biennale Venedig

Einzelausstellungen (Auswahl)
1981 Galerie Konrad Fischer, Köln
2009 Haus der Kunst, München
2010 Reina Sofia, Madrid
2012 Castello di Rivoli, Turin



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Thomas Schütte [26.10.13-16.02.14]
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Ausstellungen Thomas Schütte [06.10.13-02.02.14]
Ausstellungen Thomas Schütte [21.09.13-12.01.14]
Ausstellungen Thomas Schütte [14.09.13-23.03.14]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Institutionen Museum Folkwang [Essen/Deutschland]
Institutionen Me Collectors Room [Berlin/Deutschland]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Thomas Schütte
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