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Fokus
11.2013


 Die Zeichnung ‹Study for La Belle Dame sans Merci› von Eliza­beth Eleanor Siddal habe ich vor einigen Jahren während eines Aufenthaltes in London entdeckt. Inmitten all ihrer übermächtig erscheinenden Präraffaeliten-Kollegen ist es doch diese kleine Zeichnung, die mich am meisten berührt hat. Claudia Steffens


Ansichten - So traurig schön


von: Claudia Steffens

  
Elizabeth Eleanor Siddal · Study for La Belle Dame sans Merci, ca. 1855, Bleistift auf Papier


Zu sehen ist ein Paar, die Frau in der Blattmitte in einer fast archaischen Haltung, ihre grossen Augen scheinen ins Nichts zu starren, auf den Lippen findet sich kein ­Lächeln. Die männliche Figur hinter ihr hat die Arme in einer fast tröstenden und doch auch hoffnungslosen Geste auf ihre rechte Schulter gelegt. Das Gesicht wirkt nachdenklich, der Blick ist leer. Beide scheinen zu ahnen, dass es für ihre Geschichte kein glückliches Ende geben wird.
Elisabeth Siddal (1829-1862) zeichnete um 1850 eine Serie von Illustrationen zum Thema König Arthur, angelehnt an die Gedichte des englischen Poeten Alfred Tennyson. Dieser hatte das Gedicht ‹La Belle Dame sans Merci› von John Keats (1795-1821) gelesen und wurde dadurch zu seinem Werk ‹The Lady of Shalott› inspiriert. In beiden Werken geht es um eine unglückliche, dem Tod geweihte Liebe.
Entdeckt durch den Maler Walter Howell Deverall wurde Elisabeth Siddal schnell eines der Lieblingsmodelle der Präraffaeliten. Wie kaum eine andere Frau entsprach sie mit ihrer delikaten fragilen Schönheit und dem hüftlangen roten Haar deren Schönheitsideal. Sie sass Modell für Hunt, Rosetti und für Millais' wichtigstes Werk ‹Ophelia›, 1852. Zwischen ihr und Rossetti entspann sich eine Liebesgeschichte, die allerdings von einem turbulenten Auf und Ab geprägt war. Rossetti glaubte an ihr Talent als Malerin und Dichterin und unterstützte sie künstlerisch. Im Gegensatz zu seinen idealisierten Gemälden waren Siddals Arbeiten eher harsch.
Finanziell unterstützt durch den Kritiker John Ruskin produzierte Siddal viele Zeichnungen, jedoch nur ein Gemälde. Die Beziehung zwischen Siddal und Rossetti war keine glückliche. Nachdem sich ihre Gesundheit - auch wegen ihrer Abhängigkeit vom Opiat Laudanum - dramatisch verschlechterte, entschloss er sich 1860 endlich zur Heirat. Schon zwei Jahre später endete die Ehe mit Siddals Tod, ausgelöst durch eine verhängnisvolle Überdosis. Überwältigt von ihrem Tod, legte ihr Rossetti ein Manuskript mit seinen Gedichten in den Sarg, offenbar im Glauben, nie wieder dichten zu können. 1869 fasste er jedoch den Entschluss, einen Gedichtband zu veröffentlichen. Siddals Sarg wurde mitten in der Nacht ausgegraben und geöffnet. Rossettis Agent verbreitete anschliessend das falsche Gerücht, Siddals Leiche wäre unverwest gewesen, ihre Schönheit nach wie vor intakt und ihr rotes Haar sei weiter gewachsen und habe den ganzen Sarg ausgefüllt. Rossetti, zwar bei der Exhumierung persönlich nicht dabei, wurde sein restliches Leben von dem Gedanken daran verfolgt.
Es ist eine faszinierende Geschichte, die auf dieser kleinen Zeichnung vorweggenommen wird. So zart, so melancholisch und auch so traurig schön.



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Ausgabe 11  2013
Autor/in Claudia Steffens
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