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Artists in Residence
11.2013


 Die Stiftung Sulzberg, 1999 von der Winterthurer Musikpädagogin Doris Sträuli-Keller gegründet, stellt in der Villa Sträuli in Winterthur drei Studios für internationale Kunst- und Kulturschaffende jeglicher Sparte und Herkunft zur Verfügung. Die Aufenthalte sollen in einer anregenden Umgebung den interkulturellen Austausch fördern. Erstmals ist ein Künstler während der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur zu Gast: Der kubanische Künstler Humberto Díaz (*1975, Santa Clara) vertritt ausserdem sein Land an der diesjährigen Biennale Venedig.


Humberto Díaz - Mensch und Natur in Winterthur


  
Humberto Díaz klettert aus dem gediegenen Wohnatelier der Stiftung Sträuli hinaus ins Freie, 2013. Foto: Cat Tuong Nguyen


Die Fensterfluegel sind weit geoeffnet. Zweige, Blaetter sind zum Greifen nah. Das Gruen scheint in die hellen Raeume hineinzuwachsen, gleicht vor jedem Fensterausschnitt einem Landschaftsbild. Und das mitten in der Stadt. Eine Idylle. Humberto Diaz geniesst sie. Seit Mitte September ist der kubanische Kuenstler als Artist in Residence zu Gast in der Winterthurer Villa Straeuli. Dieser Platz, mitten im baumbestandenen, gruenen Museumsquartier, ist ideal fuer ihn, sind doch die Natur und deren vom Menschen verursachte Veraenderungen wichtige Aspekte seiner Arbeit. Das reicht von der real in Szene gesetzten Ueberschwemmungskatastrophe an der Biennale in Havanna 2006 bis zu Dachziegeltsunamis wie etwa an der Biennale St. Petersburg 2009. Mit solchen aufwendigen, spektakulaeren Produktionen ist Diaz bekannt geworden. Aber nicht immer wird es so ausufernd.
Auf Diaz' Arbeitstisch im Gastatelier liegt neben dem Klapprechner eine Mappe voller Tuschezeichnungen. Einige davon sind bereits im vergangenen Jahr entstanden, einige hier in Winterthur, zum Beispiel . Klare, sicher gezogene Linien zeigen einen vom Baumstamm zerschlagenen Tisch. Der Baum ist gefaellt, der Tisch kaputt, doch der tote Baum birgt neues Material. Auf anderen Zeichnungen schlagen Aeste aus, aber hervor wachsen keine neuen Zweiglein und Blaetter, sondern Aexte, Haemmer oder Hot Dogs.
Die Ambivalenz zwischen Objekt, Werkstoff und Natur beschaeftigt Diaz genauso wie die Wahrnehmung von Natur. Und die ist in der Schweiz ganz anders als in Kuba. Hier sind die Baeume in der Stadt unversehrt, die Gruenflaechen werden gehegt und gepflegt. In Kubas Staedten wird den Baeumen schnell einmal mit der Motorsaege zu Leibe gerueckt, und zwar ohne baumpflegerischen Anspruch. Sie werden gestutzt ohne Ruecksicht auf ihre natuerliche Form. Diaz aeussert offen sein Bedauern angesichts dieser Verstuemmelungen. Anders empfindet er die Verhaeltnisse in der Natur jenseits des staedtischen Raumes. Kubas Waelder wachsen wild, waehrend Diaz hier die Struktur der Landschaft auffaellt, ihre Ordnung und Unterordnung. Wird dies ein Thema seiner Arbeit hier sein? Gut moeglich. Diaz ist nicht mit einer konkreten Projektidee nach Winterthur gekommen. Stattdessen will er hier vor Ort eine neue Arbeit entwickeln, so wie er auch in der Vergangenheit oft und gern situationsbezogen gearbeitet hat. Ein Thema der ortsbezogenen Arbeiten waren immer wieder Ueberwachungskameras. In Havanna beispielsweise ging er von Kamera zu Kamera und blickte sie jeweils eine Minute lang an. So wurde den Menschen dieses neue Phaenomen des Ueberwachtwerdens ueberhaupt erst zu Bewusstsein gebracht.
Noch ist nicht definiert, in welche Richtung die Arbeit in Winterthur gehen wird, aber Diaz' Sinne sind geschaerft; und das Wichtigste: Er ist unterwegs. Er streift durch die Stadt und knuepft Kontakte. Er kommt mit den Winterthurern leicht und gern ins Gespraech. Diese Offenheit schaetzt Diaz sehr, nicht immer hat er das bei seinen zahlreichen Auslandsaufenthalten so erlebt. Etwa in Warschau dieses Jahr: Diaz war in der Fundacji Spazio 13 zu Gast und fuehlte sich recht isoliert. Interaktionen waren fast ausschliesslich ueber die Institution moeglich. Auf diese Situation reagierte Diaz mit der Performance : In jede Steckdose der Warschauer Kuenstlerwohnung hatte er einen Stecker mit Kabel gesteckt, es bis ins Schlafzimmer gefuehrt und um sein Haupt gewickelt. Der Kopf des Liegenden war vollstaendig von weissen Kabeln umhuellt, abgeschottet. Welche Einschraenkung die damalige Isolation fuer den Kuenstler bedeutet haben muss, zeigt der Kontrast zu seinem Leben in Winterthur. Selbst Diaz aktuelle Lektuere ist ein aussagekraeftiges Bild dafuer: Auf einem kleinen Tischlein liegen Augustinus' Confessiones. Die Autobiografie des christlichen Philosophen ist nicht nur Selbstreflexion, sondern Schilderung des eigenen Lebenszusammenhangs und Blick nach aussen. So spuert auch Diaz von sich ausgehend der Befindlichkeit des Menschen und der Praegung durch das Umfeld nach. Die Sprache ist da nur ein Mittel. Ebenso wichtig ist es fuer ihn, Gesten und Bewegungen zu beobachten. Da passt es gut, dass er in diesem warmen Spaetsommer die Winterthurer/innen kennenlernt. Noch spielt sich das Leben draussen ab. Diaz ist begeistert davon, wie die Menschen diese Zeit und ihre Stadt geniessen, wie sie im Park sitzen, sich ausruhen, unterhalten, und vor allem: dass sie das, was sie tun, bewusst und ganzheitlich tun. Den Kontrast dazu sieht der Kuenstler auf Kuba: Waehrend die Menschen dort das eine tun, denken sie bereits an das andere, das naechste. Die Menschen sind getrieben und stecken in ihren Alltagszwaengen fest.
Auch Diaz ist nicht ganz frei und ungetrieben: Anfang Oktober eroeffnet seine Ausstellung in der Galerie knoerle & baettig contemporary im Sulzer-Areal. Und Diaz hat grosse Plaene fuer die Schau, die eine Woche vor der Vernissage noch ihrer Realisierung harrt. Mit dieser Ausstellung erfuellt sich eine Anforderung an die Gastkuenstlerinnen und -kuenstler der Villa Straeuli, sollen sie doch waehrend ihres Aufenthalts aktiv am Leben in Winterthur teilnehmen und in kulturelle Aktivitaeten der Stadt involviert sein. So ist schliesslich auch ein Kuenstlergespraech in der Villa geplant und der Auftritt an den Winterthurer Kurzfilmtagen.

Bis: 10.11.2013


www.kurzfilmtage.ch
www.villastraeuli.ch
www.knoerle-baettig.com

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.
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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Humberto Díaz [04.10.13-10.11.13]
Institutionen Galerie knoerle & baettig [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Humberto Díaz
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