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Hinweis
11.2013




Zürich : Gabriella Gerosa


von: Simon Baur

  
links: Gabriella Gerosa · Ohne Titel, 2013, Aus dem Videozyklus Pferde, Tintenstrahldruck auf Ingrespapier, überarbeitet mit Pastellkreide, 119x110 cm
rechts: Gabriella Gerosa · Päonienstrauss, 2011, Led Monitor, gerahmt, Edition 5+2 APs, 158x100 cm, 60'


Dem Stillleben ist die eingefrorene Zeit genauso eigen wie die grenzenlose Opulenz. Seine Verwandtschaft zum Memento mori transponiert es an eine Schnittstelle, die wir Leben nennen und die sich als ein Bereich zwischen Geburt und Tod definieren lässt. Jedem Stillleben wohnt auch eine partielle Metamorphose inne, eine Entwicklung in Richtung Vergehen, Verwelken und Vergänglichkeit. Die Blumen, Tiere und Früchte erstrahlen ein letztes Mal in einer fast unerträglichen Plastizität, bevor sie sich dem Prozess der Verwesung überlassen. Rainer Maria Rilke lässt dieses Motiv in seinem Herbstlied anklingen und schreibt: «Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein (...) dränge sie zur Vollendung hin.» Schliesslich symbolisiert auch der Herbst in seiner Fülle und Farbenpracht das letzte Reifen vor dem Vergehen im Winter. In solch emotionalen und gleichzeitig latenten Bereichen bewegen sich die Arbeiten von Gabriella Gerosa. Es ist nachvollziehbar, dass sie sich in ihren Videoarbeiten und Videostills der Unschärfetheorien und der Langsamkeits-Metaphern bedient. Sie lassen den Zauber deutlich werden, der jedem Ding und jedem Moment inne wohnt: das Unausweichliche herauszuzögern und zu transzendieren. Gerosa hat früh verstanden, dass ein neues Medium auch neue ästhetische Bedingungen erfordert, und sie hat mit dem Medium Video eine eigene Bildsprache entwickelt. Ihre Arbeiten setzen Zeitlichkeit und Bewegung als bewusste Stilmittel ein. Das erfordert von den Betrachter/innen eine besondere Aufmerksamkeit. Wer diese nicht aufbringt, verpasst die relevanten Bildaussagen. Bis ein Blütenblatt vom Stengel fällt, kann es lange dauern, doch ist die Wartezeit keine verschwendete Zeit, weil wir so dazu angehalten werden, die Komposition profunder zu untersuchen.
Gerosa erhält am 7. November den erstmalig vergebenen Kunstpreis der Keller-Wedekind-Stiftung. Diese ehrt eine Künstlerin, die in den vergangenen Jahren herausragende und eigenständige Videoarbeiten geschaffen hat.

Bis: 30.11.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Gabriella Gerosa [08.11.13-30.11.13]
Institutionen Fabian & Claude Walter [Zürich/Schweiz]
Autor/in Simon Baur
Künstler/in Gabriella Gerosa
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