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Editorial
12.2013





  
TITELBILD · Lena Maria Thüring · Gardien de la Paix (GPX), 2011, HD Video, Farbe, Ton, 18'47'


«Weit hinter hoher Meeresflut, liegt Land so lieblich grün», summte der Lotse Bildad auf hoher See in klirrender Winterkälte, während «Gischt gefror und das Schiff in einen schimmernden Panzer einschloss». In Herman Melvilles gewaltiger Erzählung ‹Moby Dick› sind die Beschreibungen des Meeres konkret, und doch schwebt immer auch eine zweite Ebene mit, die Sehnsucht nach dem, was jenseits des sichtbaren Horizontes liegt. Seit C.G. Jung haben wir dafür ein gedankliches Modell. Für ihn visualisierte Wasser das Unterbewusste, als «lebendiges Symbol für die dunkle Psyche».
Dieser Faden lässt sich weiterspinnen, direkt zu den Aufnahmen aus dem Aquarium du Palais de la Porte Dorée von Lena Maria Thüring. Dieses wurde 1931 für die Internationale Koloniale Ausstellung gebaut und noch heute werden dort Fische aus den französischen Kolonien gezeigt. Vor den gläsernen Aquarien traf sie einen jungen Polizisten, der ihr erzählte, dass sich mit dem Ort seine Liebe zum Meer und seine Erinnerungen an seinen Vater und Grossvater in Guadeloupe verbinden. Im Video wird klar, die Künstlerin interessiert hier die Diskrepanz der Situation: Die in einem ehemaligen Kolonialmuseum geweckte ungetrübte Sehnsucht nach Heimat und die detaillierte Schilderung des Polizisten, der sich als ‹Gardien civil› oft als «verbaler Abfalleimer der Welt» vorkommt.
Die Filme von Thüring sind differenziert und diskret. Wir imaginieren mehr als wir sehen. Sie bauen auf Empathie nicht auf Ideologie. Dies lässt vieles offen und lädt uns ein, in die Tiefe zu blicken. In die Tiefe des Lebens der Protagonisten, aber auch in unsere eigenen Untiefen. Wir schauen heute selten ungestört aufs weite Meer und unter dessen Oberfläche. Umso stärker fesseln die ruhigen Bilder, die uns vom Virtuellen zum Sinnlichen und uns über die Erzählung eines Fremden zu uns selbst führen.



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Ausgabe 12  2013
Autor/in Claudia Jolles
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