Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
12.2013


 Angetrieben vom Interesse an den komplexen Mechanis­men der Identitätsbildung und Kommunikation, der Ausbildung kollektiver Erinnerungskulturen und deren Verankerung in gesellschaftlichen Systemen entwickelt Lena Maria Thüring Ar­bei­ten, die sich ebenso durch ihre präzise mediale Sprache wie ihre vielschichtige Struktur und reflexive Herangehensweise auszeichnen. Die Verleihung des diesjährigen Manor Kunstpreises Basel bot Anlass zu einem Gespräch.


Lena Maria Thüring - Wie wir uns erinnern und in Gesellschaften ­ positionieren


von: Irene Müller

  
links: Kreide fressen, 2013, 3-Kanal-HD-Videoinstallation, Manor Kunstpreis Basel 2013, Museum für ­Gegenwartskunst Basel, Installationsansicht. Foto: Gina Folly
rechts: This Land Is Your Land, This Land Is My Land, 2012, HD Video, Farbe, Ton, 22'43', englisch gesprochen mit deutschen Untertiteln (Still)


Müller: Wie kommst du zu den Geschichten, die deinen Arbeiten zugrunde liegen?

Thüring:
Ich suche diese Geschichten nicht bewusst, sondern sie begegnen mir und begleiten mich oft jahrelang, bis sie in eine Arbeit münden. Sie beruhen fast immer auf Erlebnissen und Erfahrungen von Personen, denen ich persönlich begegne. Und oft spielt der Zufall mit, welche von ihnen zum Anstoss für eine Arbeit werden.

Müller: War bei der jüngsten Arbeit ‹Kreide fressen› die Medienpräsenz vom unlängst aufgedeckten sexuellen Missbrauch in Schulen ein Auslöser?

Thüring: Nein, eigentlich nicht. Das Thema beschäftigt mich schon lange, aber erst die Ausstellung in Basel hat Anlass geboten, mit den betroffenen Männern, die ich gekannt habe, Gespräche zu führen. Die Dringlichkeit, darüber gerade jetzt nachzudenken, hat aber mehr mit der zeitlichen Distanz zum Erlebten zu tun. Die jungen Männer sind heute circa dreissig Jahre alt und haben teils selbst Familien - sie befinden sich in einer anderen (Lebens-)Zeit und dadurch ergibt sich ein anderer Blick. Die Übergriffe geschahen subtil und sie waren in Alltagsfunktionen versteckt, sodass die Jungen kein Bewusstsein vom Geschehen hatten, sie konnten das nicht benennen. Die erinnernde Verarbeitung im Verlauf des Erwachsenwerdens generiert eine Nach-Erzählung, die an die Erfahrungen des inzwischen Gelebten gekoppelt ist. Wie bricht sich eine solche Erinnerung in der sprachlichen Realität? Wie funktioniert Erinnerung, wenn man sich nicht erinnern möchte, und was bleibt verschüttet? Das sind zentrale Fragen.

Phänomenologische Interaktionen

Müller: ‹Kreide fressen› ist eine Drei-Kanal-Installation, deren Videos mit drei synchronisierten Kameras in einem One-Take aufgenommen wurden. Drei Schauspieler sprechen jeweils eine Rolle, sie tragen Erinnerungsmonologe vor, die stellenweise ineinandergreifen. Wie hast du diese Arbeit entwickelt?

Thüring:
Anfangs führe ich Gespräche und zeichne sie auf. Aus den Transkripten erarbeite ich dann einen Text, der das Erzählte abstrahiert und neu konstruiert. Die Arbeit mit Schauspielern sowie die Bildsprache führen dieses Verfahren der Transformation und Distanzierung weiter. Und zwar dahin gehend, dass mich das Aufzeigen der inhärenten Prozesse interessiert, nicht ein individuelles Schicksal als solches. Die Nüchternheit im Text, aber auch im Akt des Sprechens, das Stehenlassen von Leerstellen und unaufgelösten Fragen in diesen Erinnerungstexten sind Methoden, um die Erzählung aus ihrer biografischen Verankerung und einer individuell adressierten Empathie herauszulösen. Ich möchte eine systemische Wiederkennbarkeit oder assoziative Identifikation erreichen. Gleichzeitig ist es aber auch eine Wiedergabe der tatsächlichen Struktur des Erinnerns, die lückenhaft und widerspenstig ist. Eine Schnittstelle zwischen Dokumentation und Fiktion.

Müller: Aus dem Erzählten entsteht ein Text, der wiederum in einen Sprechakt überführt wird. Dieser löst starke Affekte aus, da er auf die Präsenz und Körperlichkeit der Hörenden rekurriert; der emotionale Transfer operiert also über Sprache und Stimme. Die Schauspieler fungieren in der Installation als visuelles Gegenüber, das aber nicht identisch ist mit der Person, deren Erinnerungen erzählt werden. Hier findet erneut eine Verschiebung statt.

Thüring:
Bei ‹Kreide fressen› oder ‹This Is Your Land, This Is My Land›, 2012, geht es mir auch um die Befragung der Schauspieler selbst, und zwar als Protagonisten, als Funktion und als Individuum. Wie äussert sich die Aneignung eines Textes? Inwieweit identifizieren sich die Schauspieler mit den Personen, deren Erzählungen sie wiedergeben, oder inwiefern wird mit einer Distanzierung gearbeitet? Und wo treten dabei Brüche auf? Ich arbeite deshalb oft mit Settings, welche die Produktionszusammenhänge sichtbar machen. Die Videobilder besitzen dadurch auch eine Funktionalität, indem sie eben das zeigen, was geschieht: das Ablesen vom Typoskript oder bei ‹This Is Your Land...› die Inszenierung der Aufnahmen in Form eines Castings, bei dem die Schauspieler/innen anfangs ihre Namen und die Rolle nennen, die sie sprechen werden. Es entsteht somit eine multiperspektivische Struktur, die zwischen Alltag und Persönlichkeit der Schauspieler, ihrer Verkörperung einer Rolle und ihren individuellen Erfahrungen oszilliert.

Erinnerungsräume und Raumerzählungen

Müller:
Diese mehrfache Perspektive ist auch in räumlicher Hinsicht in deinen Arbeiten feststellbar...

Thüring: Das Verschränken unterschiedlicher Raumkonfigurationen prägt sowohl die installative Präsentation als auch inhaltliche und strukturelle Komponenten. Vordergründig ist davon das Verhältnis von Bildraum und Real- oder Rezeptionsraum betroffen, doch in den medialen Raum der Videoprojektion sind weitere räumliche Signaturen eingeschrieben: der Aufführungsraum der Sprechakte, die individuellen Erinnerungs- und Erfahrungsräume meiner Protagonisten und «metaphorische Raumbilder», die historische, kulturelle und gesellschaftliche Referenzen setzen.

Müller: Spielt insofern auch die Verräumlichung von Prozessen der Erinnerung und Identitätsstiftung eine Rolle?

Thüring: Wenn du diesen Begriff weit fasst, dann auf jeden Fall. So ist in ‹Das Haus›, 2008, das Gebäude der Protagonist, die Kamerafahrt durch die leeren Räume ist mit der lakonischen, knapp gefassten Schilderung eines Familienalltags verschränkt, wobei die Benennung der Familienstrukturen die Erzählung chronologisch verortet.

Müller:
Die Bilder des Hauses verweisen auf das Abwesende, auf dessen Bewohner/innen, die man jedoch anhand der sprachlich evozierten Imagination in die Räume setzen kann.

Thüring:
Genau, der imaginative Raum wird im Text entworfen und artikuliert sich in den Köpfen der Betrachter/innen als eigenständige Vorstellungen. Diese greifen ihrerseits auf Erinnerungen zurück und werden durch die Videobilder eventuell konterkariert. In ‹Gardien de la Paix›, 2011, sind es ruhige Aufnahmen der Aquarien in der Cité nationale de l'historie de l'immigration in Paris, dem ehemaligen Kolonialmuseum, mit denen ich die Erzählung eines jungen, aus Guadeloupe stammenden Polizisten unterlege. Seine von Vater und Grossvater ererbte Liebe zum Meer führt ihn regelmässig in dieses Museum, das für ihn einen Rückzugsort darstellt, einen Ausgleich zum eher gewalttätigen Alltag als Staatsdiener. Es ist ein gewisser Anachronismus, dass ihm dieses Monument der Kolonisierung Raum für ein Heimatgefühl bietet.

Müller: Liege ich damit richtig, dass in deinen Arbeiten ein zwingendes Verhältnis zwischen dem Thematischen und dem Strukturell-Inhaltlichen besteht?

Thüring: Ja, dieser Bezug ist mir sehr wichtig. Aus den Geschichten destilliere ich Erzählungen heraus, die auf einer grundsätzlichen Ebene Fragen verhandeln - zum Individuum und seiner Verankerung in der Gesellschaft, zu Prozessen von Identitätsbildung und Identifikation. Diese Vorgänge sind gleichzeitig mit individuellen sowie kollektiven Mechanismen von Erinnerung, Wahrnehmung und affektiver Berührung verknüpft. Wie konstituieren solche subtilen Prozesse ein soziales System, welche Auswirkungen haben sie auf unser Selbst- und Fremdverständnis? Am Anfang steht immer eine Untersuchung, der auf formaler Ebene eine Konstruktion folgt, die mit Distanzierung und Empathie operiert. Ich vollziehe in meinem Arbeitsprozess einen Umweg: Ausgehend von Methoden der Oral History über die Konstruktion visueller und sprachlicher Narrative gelange ich zur Aufführung dieser Konstruktion, die in den Arbeiten selbst aufgezeigt wird. Es ist dieser Loop, der mich letztlich zu einer Haltung gegenüber «meinen Geschichten» führt und es mir ermöglicht, meine eigene Position als Künstlerin, als Mitglied dieser Gesellschaft, als Beteiligte zu reflektieren.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich. irene.mueller1@gmx.ch

Bis: 05.01.2014


Künstlergespräch und Präsentation der Publikation, 3.12., 19 Uhr

Lena Maria Thüring (*1981, Basel) lebt in Zürich

2002-2007 Zürcher Hochschule der Künste, Studiengang Fotografie
2008 Werkbeitrag des Kantons Zürich; Swiss Art Award
2009 Kunstpreis der Basellandschaftlichen Kantonalbank; Werkbeitrag des Kantons Zürich; Kiefer Hablitzel Stipendium; Atelierstipendium des Kantons Zürich, Cité internationale des Arts, Paris
2010 iaab Austauschprogramm, Atelier New York
2011 Stipendium für bildende Kunst der Stadt Zürich; Kiefer Hablitzel Stipendium
2012 Werkbeitrag des Kantons Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2008 Marks Blond Project, Bern, mit Constance Allen
2009 Centre d'Art en l'Ile, Genf, mit Sarah Girard
2011 Kunsthaus Baselland, Muttenz



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Lena Maria Thüring [28.09.13-05.01.14]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Lena Maria Thüring
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=131123092454AI8-1
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.