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Fokus
12.2013


 Als er erstmals fotorealistische Malerei sah, wusste er: Das will ich auch können! Francisco Sierra studierte als Autodidakt künstlerische Techniken und Kunstgeschichte und eroberte die Kunstwelt mit einem Paukenschlag. Er bewarb sich bei allen grossen Schweizer Kunstwettbewerben. 2006 erhielt er den Kiefer-Hablitzel-Preis. Ein Jahr später heimste er alle Preise ein, die bei den Swiss Art Awards vergeben werden. Zum Jahreswechsel ist der eigenwillige Künstler in zwei Soloausstellungen präsent. Das Kunstmuseum St.Gallen zeigt neue Gemälde im Rahmen der Verleihung des Manor Kunstpreises, das Kunstmuseum Solothurn Arbeiten auf Papier.


Francisco Sierra - Lustvolle und grauslige Malerei


von: Alice Henkes

  
links: Oylen, 2012, Öl auf Leinwand, 240x195 cm, Sammlung Kunstmuseum Bern
rechts: The New God, 2013, Öl auf Leinwand, 220x170 cm


Ein Teegeschirr schwebt im dunklen Raum wie ein unentdeckter Planet. 2008 malte Francisco Sierra ‹The Universe›: Auf einem Tablett stehen Teller und Tassen, etwas ungelenk aus Ton geformt, als habe sich ein neuer Weltenschöpfer ans Ausprobieren gemacht. Das Ölgemälde indes ist mit meisterlicher Präzision gemalt. Klassische Malkunst und ein frecher Blick auf die etwas angestaubte Gattung des Stilllebens treffen in ‹The Universe› aufeinander. Selbstironisch malt der Künstler 2009 ‹The Parallel Universe› und 2010 ‹The Brillant Antagonist›. Ebenfalls Teesets im weiten dunklen Raum, das eine eckig, das andere tiefschwarz.
Sierra dekliniert die Abfolge von Thesen und Antithesen im künstlerisch-intellektuellen Diskurs mit Tellern und Tassen durch und verwandelt eitle Attitüden und in­tellektuelle Positionen in einen fröhlichen Kaffeeklatsch. Und für alle, die genau hinsehen, gibt es noch ein kleines Zückerchen. Jeweils auf der Zuckerdose der Bild-Trilogie finden sich kleine Strichmännchen, mal mit Joint oder mit Geige, mal kopulierend. «Wein, Weib und Gesang, das ist doch das, was man sich unter einem Künstlerleben vorstellt», sagt Sierra. Das Universum der Kunst mit all seinen ­grossen Mythen und kleinen Mätzchen, seinen Tricks und Traditionen, Täuschungen und ­Enttäuschungen, das ist es, was Sierra interessiert. Mit stupender Begabung und ­genialer Unverfrorenheit blickt er gleichsam hinter die Kulissen der grossen Kunst. Die Unbekümmertheit und Schärfe seines Blickes hat er als Autodidakt erworben. Sierra hat nicht die Denkschule einer Kunstakademie durchlaufen. Er hat sich die Kunst des Malens und Zeichnens selbst beigebracht. Mit fünf Jahren malte er sein erstes Ölbild.

Parodie oder schlechter Geschmack?
Ölfarben in Kinderhand, das ist ungewöhnlich. Doch die Künste wurden in Sierras Familie hochgehalten. Geboren wurde er in Santiago de Chile. Als Neunjähriger kam er mit seiner Familie in die Schweiz. Der Vater ist Chilene. Die Mutter hat schweizerisch-ungarische Wurzeln. Eine Schwester des Vaters ist Malerin. Die Grossmutter mütterlicherseits war Violonistin in einem Damenorchester. Francisco begann mit fünf Jahren ebenfalls Geige zu spielen. Nach dem Abitur musste er sich entscheiden: Musik oder Malerei? Er entschied sich für die Geige. In der Violinklasse von Karen Turpie in Schaffhausen und Utrecht lernte er seine Frau Noëlle Anne Darbelly kennen, die ihn darin bestärkte, sich wieder der Malerei zuzuwenden.
Heute leben Sierra und seine Frau in einem historischen Pfarrhaus über dem Murtensee. In allen Räumen stehen Objekte, die sich auch auf seinen Bildern finden. Es sind vor allem Dekorationsgegenstände wie Kuchenplatten oder Aschenbecher. Sierra interessiert, wie ein Gegenstand beschaffen sein muss, um zu einem dekorativen Objekt werden zu können. Der ‹Dekorationsteller feat. Ugly Man›, 2011, mit einer hässlichen Fratze darauf, ist das noch ein Dekorationsteller? Eine Parodie? Oder einfach nur Bad Taste? Sierra sieht es so: «Wenn ich in dieser sehr liebevollen und genauen Technik etwas male, dem eine merkwürdige Ästhetik zugrunde liegt, dann ist das eine Infragestellung der Sehgewohnheiten.»
Diese Infragestellung ist bei Sierra nicht nur eine hohle Phrase. Der detailverliebte Meister der Technik ist ein Genie der kühnen Geste. Das zeigt sich sehr schön in der Solothurner Ausstellung, die den Zeichner und Grafiker Sierra fokussiert. Hier hängen sich zwei Arbeiten gegenüber, welche die verschiedenen Facetten und Herangehensweisen des Künstlers verdeutlichen. Die zweiteilige Lithografie ‹Lismete›, 2010, zeigt Vorder- und Rückseite einer Maschenprobe. Die Reihen schlichter Maschen verblüffen durch die hyperrealistische Darstellung und die offenkundige Banalität des Motivs. Umgekehrt verhält es sich mit der Serie ‹The Circle of Life›, 2011. Auf Delfter Kacheln hat Sierra ein Würmchen gezeichnet, das sich zum Teenie-Käfer mit Pickeln, zum kopulierenden Käfer mit Kippe im Maul und schliesslich zum Käfer-Greis entwickelt. Der Lebenszyklus des Menschen ist eines der grossen Themen der Kunstgeschichte. Doch kann man die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit in der lapidaren Form einer Kritzelei abhandeln?

Wohlfühlkunst und Kunstdiskurs
Was kann Kunst? Was darf Kunst? Sierra lässt in seinen Arbeiten Hässliches und Schönes, Philosophisches und Nebensächliches ungebremst aufeinander prallen. «Manchmal freue ich mich insgeheim, wenn ich wieder etwas Schreckliches kreieren kann», gesteht er verschmitzt. Seine brillante Technik erlaubt es ihm, Geschmacksgrenzen zu überschreiten, ohne dass die Bilder jemals trashig wirken. Eines seiner Lieblingsbilder, ‹Im Park›, 2011, zeigt seine Frau neben einer Riesenmeringue mit Skelettarmen. Das Unwesen sitzt auf einem Teppich, den Sierras jüdische Grossmutter gefertigt hat, trägt ein Hitlerbärtchen und liest ein Buch mit dem Titel ‹Hello Kitty: Mein Kampf›. Hier findet zusammen, was nach allen Regeln der Kunst und der Political Correctness nicht zusammengehört. Sierras Bilder verwirren und provozieren. Und das mit Bedacht. Den eigenwilligen Künstler interessiert, wie Kunst wahrgenommen, nach welchen Kriterien sie beurteilt wird. «Wie gehe ich als Betrachter mit meinem Geschmacksurteil um?», fragt Sierra und gibt die sibyllinische Antwort: «Man muss heute vorgeben, schlau zu sein!»
Sierra gibt nicht nur vor, schlau zu sein. Gewitzt durchschaut er all die eitlen Lügen der Kunstwelt. Worum geht es in der Kunst? Um Ideen oder genügt es, wenn ein Bild farblich zum Sofa passt? Sierra hat da seine eigenen Erfahrungen und ironisiert die Wohlfühlkunst mit seiner ‹Sofa Suite›, 2012, für die er sieben Mal einen Dekorationsteller gemalt hat, je in einer anderen Farbe. Sierras jüngste Serie ‹Formology of Avalon›, 2012, hinterfragt die intellektuelle Aussagekraft von Kunstwerken. Die Ölbilder zeigen abstrakte Strukturen, die sich unter dem Einfluss des Titels als Schriftzeichen oder Symbole deuten lassen. Sierra kommentiert es so: «Indem ich behaupte, die Formensprache eines mystischen Ortes zu zeigen, behaupte ich eine grosse intellektuelle Tiefe. Dabei zeigen die Bilder eigentlich nur abstrakte Formen ohne Inhalt.»
Alice Henkes (*1967, Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel, alice.henkes@bluewin.ch


Bis: 16.02.2014


Francisco Sierra (*1977, Santiago de Chile) lebt in Cotterd VD

1998-2003 Musikstudium
Einzelausstellungen (Auswahl)

2009 Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen/R; Kunsthaus Langenthal; Aargauer Kunsthaus, Aarau
2010 ‹La Girafe et Le Temple›, Edizioni Periferia, Luzern
2011 Galerie Gregor Staiger, Zürich (mit Brian Moran)



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Francisco Sierra [28.09.13-02.02.14]
Ausstellungen Francisco Sierra [15.11.13-02.03.14]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Francisco Sierra
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