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Fokus
12.2013


 «All is pretty» lautet Andy Warhols Devise. Amerikanischer Optimismus, der sich die Welt aufhübscht. Das ungeschriebene ­Manifest scheint in schnörkeligen rosaroten Lettern verfasst: Die Mädchen pretty, die Autos pretty, die Depressionen ebenso, die Burnouts, die Suizides - all is pretty.


Ansichten - Ästhetik statt Liebe


von: Nicolas Walker

  
Reto Schmid · Untitled, 2013


Ohne Ausdruck liegt sie da. Da auf dem Asphaltboden. Ist von der Welt gegangen. Ihr Abdankungslied ein harter Technotrack, das Leichenmahl euphorisierendes Ecstasy. Ihre Lippen strahlen, was das fehlende Scheinen ihrer Rehaugen kompensiert. Sie ist umgeben von einem Plastiksack. Jenem für Tote. Wie man den exakt nennt, mag ich gerade nicht googeln. Ihr blondes Haar hat sie sich vermutlich vor kürzester Zeit mit einem Shampoo gewaschen, das ihr ein paradiesisches Leben durch minutenlanges Einmassieren versprach. Kalt. So liegt sie da in ihrem schwarzen Plastikding, rotes Licht spiegelt sich darauf. Alles ist farblich koordiniert. Das Bild hat einen rosaroten Belag, als hätte eine indische Goa-Kuh mit ihrer rosa Zunge darüber geleckt.
Das weisse Kleid reicht ihr bis zum Hals. Rippenknochen, Brust und Schulter bilden einen hügeligen Dreiklang. Hart. Unantastbar. Es gibt keine Liebe. Wahrscheinlich gab es nie Liebe in ihrem Leben. Nur wohlshampooniertes Haar und körperbetonte Überzeugungen. Ein paar Zentimeter hinter ihr steht ein Auto. An den Reifen erkennt man, dass es sich nicht um ein neues Modell handeln kann, sondern dass es aus einer Zeit stammt, als Autos noch schön waren. Ach, die früheren Zeiten. Jetzt ist eh alles vorbei. Kalt. Der rissige Boden kontrastiert mit der glatten Erscheinung der jungen Frau. Fashionable zu sterben war sicherlich eine ihrer Prioritäten. Das ist ihr gelungen.
Ich sehe dieses Bild als ein Zeitbild. Vieles ist düster und katastrophisch, jedoch ohne finster zu sein. Alles ist in Neonlichtsirup getaucht und tropft klebrig vor sich hin. Es ist süss, es ist glänzend, es ist unnahbar. Es existiert gar nicht. Es gibt kein fassbares Ich mehr. Wir befinden uns auf der Grenzwanderung von Fakten und Fiktionen. Wir mimen, statt zu sein. Unmittelbare Erfahrung ist selten geworden. Daher lässt uns der Tod dieses Mädchens so gleichgültig wie die ersten 48 Seiten Werbung in der VOGUE.
Das Bild des Fotografen Reto Schmid zeigt uns die Gleichgültigkeit, die wir Dingen entgegenbringen, wenn wir sie ästhetisieren. «How could it hurt when it looks so good?», fragt Madonna in einem Lied. Vielleicht müssen wir uns neu konditionieren, um endlich wieder etwas zu fühlen. Vielleicht ist das Artifizielle das neue Reale. Ich will auf jeden Fall am Ende nicht sagen müssen, dass das einzige Erhellende in meinem Leben die Reklamenschilder auf der Einkaufsmeile waren.
Nicolas Walker ist Herausgeber und Chefredaktor von Quottom, einem Kulturmagazin, das neue Perspektiven auf Kultur und Gesellschaft lanciert. nicolas.walker@quottom.com



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Ausgabe 12  2013
Autor/in Nicolas Walker
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