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Besprechung
12.2013


J. Emil Sennewald :  Geschlechterkampf ist auch Männersache. Schon lange, und nicht nur für Schwule. Präzise und anschaulich zeigt das Kunstmuseum Bern - viel besser als das Pariser Musée d'Orsay -, wie Kunst Geschlecht als Maskerade, als Verkleidung und als Frage der Übertragung begreifbar macht.


Bern/Paris : Männerbilder - Kein Platz für weinende Männer?


  
links: Peter Land · Peter Land d. 5. Maj 1994, 1994, Video, Farbe, Ton, 25', Courtesy Galleri Nicolai Wallner
rechts: Pascal Häusermann · Megalomania, Nr. 8, 2009, Monotypie, Ölfarbe, Schellack, 43x29 cm


Ich erinnere mich noch gut, Anfang der Neunziger. Während Männer und Frauen jeder Ausrichtung im Seminar die Thesen von Judith Butler, Hélène Cixous oder Julia Kristeva diskutierten, traf sich nebenan erstmals eine ausschliesslich maskuline Selbsterfahrungsgruppe, um Sorgen und Nöte des Mannseins zu besprechen. Der Männerschnupfen als abendfüllendes Thema? Undenkbar! Nach Blaustrümpfen und lila Latzhosen ging es jetzt poststrukturalistisch um Grundsätzliches! Statt einseitiger Alltagssorgen sollte universell geklärt werden, wer «Ich» sagt in einer Gesellschaft, die durch Kultur bestimmte Identitäten als naturgegeben vorgibt. Sprachkritik sollte scheinbar unumstössliche symbolische Ordnung, Bildkritik Definitionsmacht neu verteilen. Sergeant Ripley im Kampf gegen Alien oder Sarah Connor, eisenhärter als der Terminator, waren die Heldinnen. Für weinende Männer war da kein Platz.
«Es gab sie aber», sagt Kathleen Bühler, Kuratorin am Kunstmuseum Bern, «Männlichkeit wurde seit den späten Sechzigern nicht nur gegenüber Frauen abgegrenzt, sondern auch gegenüber anderen, harten Männerkonstrukten in Frage gestellt.» Wie zum Beweis hängt sie Bas Jan Aders Video ‹I'm Too Sad to Tell You› von 1970/71 an den Anfang ihres Rundgangs. Ohne seinen Tränen eine mütterliche Schulter zu leihen. Daneben hängt ‹Give It To Me, Words›, von Elke Silvia Krystufek, 2004 nach Hans Memlings weinendem Renaissance-Christus gemalt. «Das zeigt die Ambivalenz zwischen Leid und Autorität», erklärt Bühler. «Ich möchte die Entwicklung von Werten vermitteln, deutlich machen, wie Kunst zum Nachdenken über die eigenen Werte anregen kann.» Der Katalog wird dafür als Handbuch zur Eintrittskarte gereicht.
Quer durch die Ausstellung verdichtet sich eine Beobachtung: Geschlecht entsteht als Übertragungsvorgang - zwischen Medien, Körper und Bild, Begehren und Erfüllung. So auch die Begrifflichkeit des «schwachen Geschlechts», die im Titel auftaucht. 1908 wurde sie vom Genfer Politiker William Vogt für die unterlegene Frau geprägt. Das «schwache Geschlecht», nun auf den Mann zu übertragen, ermöglicht eine im konstruktiven Sinn postfeministische Erkenntnis: Ich hat kein Geschlecht, ich bildet es. Und wird gebildet: In Marie Jo Lafontaines Videoinstallation ‹Stählerne Tränen› von 1987 erinnern pumpende Muskelmänner an den Ursprung des harten Mannesmanns im Stahlbad der Industrialisierung. Sensibilität, bis Ende des 18. Jahrhunderts als Männerfreundschaft gepflegt, wurde erst unterm Maschinen-Rhythmus zu Weichlichkeit. Schräg gegenüber heulen Männer. Sam Taylor-Johnson (ehemals Taylor-Wood) bat Filmstars wie Sam Shepard, Brad Pitt oder Steve Buscemi vor ihrer Kamera zu weinen. «Die Jungs machten erst mit», erzählt Bühler, «als Leitwolf Paul Newman zusagte.» Männer sind gemeinsam besser schwach.
Sie sind auch schon eine Weile unter Beschuss, wie Claire Roussopoulos' Video zeigt. 1976 diktierte sie Delphine Seyrig Valerie Solanas' S.C.U.M. Manifesto in französischer Übersetzung in die Schreibmaschine: «Männer würden durch einen Fluss aus Rotze und einen Sumpf aus Kotze waten, nur in der vagen Hoffnung auf der anderen Seite warte eine freundlich gesonnene Muschi.» Vorher, 1969, führte Valie Export Peter Weibel an der Leine und auf allen Vieren durch Wien, inszenierte sich 1974 Jürgen Klauke in fotografischen Travestien wie ein Karnevalsgeck. Dass all diese Übertragungen durch Kunst-Medien Geschlecht greif- und formbar machen, verdeutlichen Konstellationen verschiedener Künstlergenerationen wie Sarah Lucas' ‹Self-Portraits› von 1990-98 gegenüber von Silvie Zürchers collagierten Selbstdarstellungen ‹I Wanna Be a Son› von 2005/06.
Die heute irrtümlich von vielen als gleichberechtigt zur Verfügung stehend angenommenen Handlungsräume werden, das macht der Parcours deutlich, als Bildräume durch Presse und Werbung definiert. Wie dort üblich, tritt auch in Bern überwiegend der virile Mann auf. Einzig das Video ‹Peter Land d. 5.maj 1994›, in dem der Däne nackt sein Hüftgold schwingt, und die Gemälde ‹Brun›, 2012/13, des 59-jährigen Luc Andrié, in denen sich Papi mit Halbglatze und Bierspeck hinter vielen Schichten Farbe versteckt, bilden die Ausnahme. Mannsbilder - egal, ob von Frauen oder Männnern produziert - werfen die Geschlechterfrage scheinbar am besten auf, wenn sie schön, muskulös, kurz: phallisch auftreten. Gelitin trieben das 2000 mit ihren ‹Ständerfotos› satirisch auf die Spitze, stellten sich mit erigiertem Penis in die Landschaft.
Solche Sahnesteif-Visionen vom Mannsein transportiert ohne jede ironische Brechung die aus Wien ins Pariser Musée d'Orsay gewanderte Ausstellung ‹Masculin/Masculin›. «Inhaltliche kuratorische Arbeit ist hier abwesend, da ist nur Leere», schimpfte Serge Lemoine, bis 2008 Präsident des Musée d'Orsay, beim Smalltalk unter Männern: «So etwas ist eines Museums nicht würdig, es gibt keine These, die Bilder sind nur aneinander gereiht, hier wurde überhaupt nicht kuratorisch gearbeitet!» Lemoine hat Recht: Die Verteilung der Bilder wurde allein von ihren Emotionswert gesteuert. Der Geschlechterdiskurs verkommt zur schwülen Peep-Show, die selbst engagierte Arbeiten einebnet. Die vielen jungen Besucherinnen im Musée d'Orsay aber geben zu bedenken: Männer und Frauen ziehen sich an - ob man will oder nicht. Geschlecht folgt einer Attraktion, verlangt zugleich nach Bekleidung. Kunst liefert dafür Dispositive - und profitiert von dem, was ihre Übersetzung verschiebt. Hier liegt der qualitative Unterschied beider Ausstellungen. In Paris erscheint Geschlecht als absoluter Wert; in Bern als etwas, das sich vom Körper löst, womit man - und Frau - spielen kann.

Bis: 09.02.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Männerbilder 1945-2005 [02.04.06-01.10.06]
Institutionen Museum Junge Kunst [Frankfurt/O/Deutschland]
Autor/in J. Emil Sennewald
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