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Besprechung
12.2013


Grit Weber :  Wie sich jener Person nähern, die der Nachwelt in nur wenigen Dokumenten, vor allem in einem so kraftvollen wie lückenhaften literarischen Werk erhalten blieb? Zum 200. Geburtstag des Autors, Wissenschaftlers und Revolutionärs versucht eine Ausstellung, die sinnliche Brücke zu Georg Büchner zu schlagen.


Darmstadt : Georg Büchner - Revolutionär mit Feder und Skalpell


  
William Kentridge (Regisseur), Adrian Kohler (Design) · Woyzeck und der Doktor, aus: Woyzeck on the Highveld, Johannesburg 2008, Holz und Textil. Foto: Puppet Handspring Company, Kapstadt


Also hinein in diese Schau, die viel Übersetzungsarbeit leisten muss, um Büchners brennende Leidenschaften - Gerechtigkeit, Meinungsfreiheit, Medizin, Literatur und schliesslich auch seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé - visuell nachzuspüren, damit der Revolutionär mit Feder und Skalpell herausgelöst wird aus den wenigen Briefen, Tagebucheintragungen und seinen wunderbaren Theaterstücken, herausgelöst wird also aus dem abstrakten Medium der Sprache, auf dass er zu Bildern und Objekten werde, die emotionalisieren und das Publikum von heute etwas über die Zustände und Meinungen aus der bleiernen Zeit deutscher Restauration lehren. Es geht zuweilen eng zu in diesen Räumen. Dabei verströmt der Parcours eine ähnlich gedrängte Eile, wie sie wohl auch Büchner selbst gespürt haben könnte. Schliesslich war er - in den kurzen vier Jahren zwischen 1833 und 1837 - beschäftigt mit konspirativen Treffen, dem Verfassen des Hessischen Landboten, dem Studium von Medizin und Philosophie, vier Dramen und einer Erzählung, vier Wohnsitzwechseln und seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit über das Nervensystem der Barsche.
Die Schau orientiert sich chronologisch, vermittelt Büchners Heranwachsen mit einem biedermeierlichen Wohnzimmer, in dem seine Locke sowie Bücher, die seine Erziehung geprägt haben mögen, zu besichtigen sind. In Dokumenten werden die Stationen seines Studiums markiert, in zärtlichen Briefen an seine Verlobte begegnen wir dem jungen verliebten Mann. Und immer wieder parallele Stränge, die das politische Klima beschreiben: Satirezeichnungen erzählen von den sozialen Spannungen im nachnapoleonischen Europa. In Darmstadt lernt Büchner das antiliberale Klima kennen und wird Zeuge der grossen Armut auf dem Lande. In Giessen verfasst er die Flugschrift des Hessischen Landboten. Heimlich wird der Text in Offenbach gedruckt und via Boten an die Landbevölkerung verteilt. Doch ein Spitzel berichtet der Polizei davon. Büchner wird gewarnt und flieht nach Strassburg.
Zürich, Büchners letzte Station nach der Emigration, wird 2014 die nächste Etappe der Ausstellung sein. Dieser Tage schon wurde eine neue Linde an Büchners Grab auf dem Rigiblick gepflanzt. Stadtpräsidentin Corine Mauch war als Vertreterin der Politik dabei. Doch auch wenn sich das Klima in Politik und Gesellschaft in den vergangenen 200 Jahren verändert hat, tut dies der Aktualität Büchners, die vor allem in seiner markanten modernen Sprache begründet ist, keinen Abbruch.

Bis: 16.02.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Georg Büchner: Revolutionär mit Feder u. Skalpell [13.10.13-16.02.14]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Georg Büchner
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