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Besprechung
12.2013


Anna Francke :  Auseinandersetzungen mit dem menschlichen Körper, mit Migration und Entfremdung sowie latenter Bedrohung ziehen sich wie rote Fäden durch die Arbeiten von Mona Hatoum. Das Kunstmuseum St.Gallen gewährt Einblick in ihr bisher in der Schweiz nur punktuell vertretenes künstlerisches Repertoire.


St. Gallen : Mona Hatoum - Latentes Gefahrenpotenzial


  
links: Mona Hatoum mit Inaash Twelve Windows, 2012-2013, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen, 2013. Foto: Stefan Rohner
rechts: Mona Hatoum Daybed, 2008, Installationsansicht Kunstmuseum St.Gallen, 2013. Foto: Stefan Rohner


Eine monotone Stimme liest Briefe der Mutter an die abwesende Tochter Mona Hatoum (*1952, Beirut). Die Briefe handeln von Krieg, Sehnsucht und weiblicher Sexualität. Gleichzeitig läuft arabische Schrift wie ein Raster über Fotografien der Mutter unter der Dusche. Das Video ‹Measures of Distance›, 1988, ist für das radikale und persönliche Frühwerk bezeichnend. Zusammen mit Videodokumentationen von frühen Performances, in denen der Körper ein ebenso elementares wie politisches Medium ist, bildet es den Auftakt der retrospektiv angelegten Ausstellung.
Bekannt wurde die palästinensische, im Libanon aufgewachsene und seit 1975 in London lebende Künstlerin mit verfremdeten Möbeln und monumentalen Küchengeräten. Die ‹Domestic Sculptures› zeichnet die Ambivalenz von visueller Verführung, dem formalen Erbe der Minimal Art und latentem Gefahrenpotenzial aus. Exemplarisch manifestiert sich dies in ‹Daybed›, 2008: Eine zur Stahlliege vergrösserte Küchenreibe mit messerscharfen Ausstülpungen. Ebenso wie der Körper als Referenzgrösse und seine sozialen Konnotationen bereits in die Vorlagen einfliessen, findet er sich als aufgeladene Leerstelle in den Installationen wieder. Diesen physisch einnehmenden Setzungen sind fragile Papierarbeiten gegenübergestellt. In Frottagen hat die Künstlerin die Formen von Küchenutensilien, beispielsweise eines Siebs, auf Wachspapier übertragen, Hautpartikel in handgeschöpftes Papier eingearbeitet und Haare in Toilettenpapier eingenäht oder daraus ein filigranes Gitter geknüpft.
Zum thematischen und formalen Repertoire von Hatoum zählt die Kartografie. Allerdings stellt die Künstlerin deren Darstellung der Welt und deren Grenzziehungen in Frage. Die Installation ‹Twelve Windows›, 2012-2013, lässt sich unter diesen Vorzeichen lesen. Aus der Kollaboration mit der libanesischen NGO Inaash, die palästinensische Frauen in Flüchtlingscamps unterstützt, entstanden bestickte Quadrate, die jeweils für eine Region Palästinas stehen und auf einem über Generationen tradierten Handwerk basieren. Den Saal durchkreuzende Stahlseile funktionieren als Display und Hindernis, das den Gang durch den Raum lenkt. Hatoum überführt das Nebeneinander kartografischer Repräsentation in eine räumlich gestaffelte Struktur. Die Arbeit spannt zudem einen Bogen zum Frühwerk, geht jedoch über die persönliche Biografie hinaus und thematisiert die Entwurzelung eines Volkes in einer Region, deren Konfliktpotential nichts an Aktualität verloren hat.

Bis: 12.01.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Mona Hatoum [07.09.13-12.01.14]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Mona Hatoum
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