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Besprechung
12.2013


Brita Polzer :  Mit der Aussage, geduldige Arbeit sei vonnöten, um der «Ungeduld der Freiheit Gestalt» zu geben, lässt der Philosoph Michel Foucault seinen Text «Was ist Aufklärung?» enden. Die Wort­folge dient als Titel für die mit rund dreissig Arbeiten ausgestattete Ausstellung im Württembergischen Kunstverein.


Stuttgart : Die Ungeduld, der Freiheit Gestalt zu geben


  
links: Kiri Dalena · Erased Slogans, 2008, Serie von digitalen Prints. Dazu gehört: Red Book of Slogans, 2008
rechts: Stefan Constantinescu · The Golden Age of Children, 2008, Pop-up Book


«In der zeitgenössischen Kunst hat sich mittlerweile eine grosse Bescheidenheit hinsichtlich ihrer Potenziale, die Welt zu verändern oder auch nur kritisch zu sein, etabliert», schreibt das Kuratorenteam Iris Dressler und Hans D. Christ im Einführungstext. Anliegen der Ausstellung sei es darum, sich der beginnenden Lethargie zu widersetzen. Der bereits 1827 gegründete, heute rund 3000 Mitglieder umfassende Württembergische Kunstverein hat sich immer wieder der Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Kontexten und Handlungsräumen zeitgenössischer Kunst gewidmet. Aktiv hat man am Widerstand gegen das Bahn- und Immobilienprojekt Stuttgart 21 teilgenommen und immer wieder werden Ausstellungen mit brisanten Themen lanciert, begleitet jeweils von diversen Rahmenveranstaltungen.
Aktuell ist der grosse Ausstellungsraum mit Arbeiten gefüllt, die sich ganz unterschiedlich politisch engagieren. Einige verlangen intensives Einlesen, um die vielen Metaebenen zu durchdringen, andere erschliessen sich im blossen Schauen und/oder Zuhören. In ‹Erased Slogans› stellt die auf den Philippinen lebende Künstlerin Kiri Dalena (*1975) historische Fotografien der Massenproteste und Demonstrationen gegen die Marcos-Diktatur (1972-1986) vor. Man sieht Menschen mit Transparenten in der Hand, wie sie Polizisten gegenüberstehen oder sich auf der Strasse versammeln. Die Parolen allerdings hat die Künstlerin sämtlich ausradiert, so dass nur noch die Gesten des Protests im Raum zurückbleiben. Die sprachlichen Aufrufe und Forderungen sind nun in einem (Mao-)Bibel-grossen, roten Büchlein versammelt, wo sie wie ein Repertoire für spätere Nutzungen zur Verfügung stehen: «Protect us from police characters» beispielsweise, oder: «We demand wise leadership». Auch der in Stockholm und Bukarest lebende Rumäne Stefan Constantinescu (*1968 Bukarest) verhandelt die schwierige Geschichte seines Heimatlands - in Form eines Pop-up-Tagebuchs, in dem er Privates und Politisches zusammenbringt. Bilder vom Ceausescu-Regime (1965-1989) tauchen neben solchen vom heranwachsenden Künstler auf, zudem wird u.a. über die propagandistische Funktion der Schule oder die 1983 zwangsverordnete Registrierung aller Schreibmaschinen informiert. Einige weitere Beteiligte sind: Alice Creischer, Christian von Borries, Andreas Siekmann; Grupo Baja Mar; Kiluanji Kia Henda; Sven Johne; Hassan Khan oder Marion von Osten.

Bis: 04.02.2014


Filmprogramm 6.-8.12., Ringvorlesung: ‹Die Stadt als Medium. Urbanität im Widerstreit›, jeden Dienstag, bis 4.2.



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Der Ungeduld der Freiheit Gestalt zu geben [05.10.13-12.01.14]
Institutionen Württembergischer Kunstverein Stuttgart [Stuttgart/Deutschland]
Autor/in Brita Polzer
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