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Besprechung
12.2013


Madeleine Panchaud de Bottens :  Warschau wurde im Zweiten Weltkrieg fast gänzlich zerstört, dann unter dem kommunistischen Regime wieder aufgebaut und später nach demokratischen Grundsätzen neu organisiert. Heute erscheint die Stadt wie eine Collage aus verschiedenen Ideologien. Wie kann man Warschaus Identität fassen?


Zürich : Learning from Warsaw - Eine Lektion für Warschau und Zürich


  
links: Meier/Franz · Gated Communities, 2013. Foto: Bartosz Górka
rechts: Zofia Kwasieborska und Georg Keller · Marktstand, 2013. Foto: Bartosz Górka


Der Titel der Ausstellung ist vom 1972 erschienenen Architekturklassiker ‹Learning from Las Vegas› inspiriert. Während Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour die populärkulturelle Architektur von Las Vegas mittels Fotografien phänomenologisch untersuchten, geschieht dies nun auf Einladung der Kuratoren Nele Dechmann, Nicola Ruffo und Agnieszka Sosnowska durch 16 Kunstschaffende. Während drei Monaten wurde ein leerstehender Hutladen in Warschau zum Ausstellungsraum, wo auch Performances, Lesungen und Diskussionen stattfanden. Im Ausstellungskatalog sind nun diese Begegnungen dokumentiert. Das Hauptgewicht des Projekts bildeten die ‹20 lessons› von Autoren, die Warschau unvoreingenommen begegneten. Einige waren flüchtige Touristen, andere kannten die Stadt seit Langem. Die Lessons bestehen aus Ideen, Erfahrungen, Erinnerungen oder Theorien.
Der Künstler Roland Roos baute als Vorprojekt zur Ausstellung an der Bärengasse eine polnische Milchbar auf, analog der vormals weit verbreiteten «Bar mleczny», die in Warschau vegetarische Speisen zu günstigen Preisen anboten. Zofia Kwasieborska und Georg Keller haben den ‹Bazar Rogatka› installiert, indem sie Neonröhren an ehemaligen Marktständen aus Metall befestigten und so eine Handelsform ins Licht rückten, die im Zeitalter des Supermarktes überflüssig geworden ist. Der polnische Architekt Jakub Szczęsny entwarf 2009 eine utopische bewohnbare Installation für einen nur 150 cm breiten Spalt zwischen zwei Häusern in Warschau - das schmalste Haus der Welt! Er fand wunderbarerweise Sponsoren und schliesslich einen Käufer, den israelischen Schriftsteller Etgar Keret, der begeistert über Warschau schrieb: «It's a fantastic place. I love it!» (Tausende haben sich als Mieter beworben, nachdem die Presse faszinierende Berichte darüber in Umlauf setzte...).
Die Schweizer Meier/Franz befassen sich in ihrem Projekt ‹What do the Varsovians Protect their Houses From?› mit dem Phänomen der «Gated Communities», den mehr als 400 bewachten Wohnanlagen in Warschau, die nur anfangs noch als chic galten und Status verhiessen. In der Ausstellung bauen sie einige der klassischen Elemente dieser Siedlungen nach. Der polnische Performancekünstler Konrad Smolenski (*1977), der Polen dieses Jahr an der Biennale Venedig vertrat, erforscht Städte mit Soundbombings, liess von seinem alten Volkswagen in der Periferie Töne und Trommelwirbel erschallen, um dann schnell weiterzufahren.

Bis: 15.12.2013



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Learning from Warsaw [08.11.13-15.12.13]
Institutionen Museum Bärengasse [Zürich/Schweiz]
Autor/in Madeleine Panchaud de Bottens
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