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Besprechung
12.2013


Raimar Stange :  Die Kunst von Jürgen Drescher wirkt mit ihrem akademischen Beharren auf handwerklichen Aspekten und Materialgerechtigkeit zunächst ein wenig überholt. Doch dem Künstler gelingt es, gerade diese Handwerklichkeit mit politischen Momenten aufzuladen. So auch jetzt in seiner Ausstellung ‹Funklöcher›.


Zürich : Jürgen Drescher - Lebensentwürfe mit Defiziten


  
Jürgen Drescher · Sessel, 2013, Aluminium-Sandguss, 83x48x55 cm, mit Zertifikat


Die Ausstellungsräume der Galerie Mai 36 wurden jetzt von Jürgen Drescher gleichsam neu «möbilisiert»: Einen Sessel hat er dort platziert, eine schmale Sitzbank, mitten im Raum eine freistehende Tür, zwei Kleiderständer, das Fragment eines Schindeldachs und einen Transportschlitten mit Deichsel. All diese Gegenstände hat der Berliner Künstler in einem alten, von seiner Schwester jüngst erworbenen Bauernhaus gefunden. Im Kunstraum wurden sie neu arrangiert, so dass sich jetzt der Sessel und der Schlitten gegenüberstehen, genauso wie die Bank und die zwei Wäscheständer, die mitsamt ihres Fundaments auf einer Sackkarre auf ihren Abtransport warten. Die disparaten Einzelteile betonen in ihrer unüblichen Kombination die Künstlichkeit der Situation. Zudem hat der Künstler - bis auf die Tür, die als Readymade im Originalzustand belassen wurde - all diese beredten Zeugen bäuerlichen Lebens in silbernem Aluminium abgegossen.
Der bildhauerisch bewährte Vorgang des Abgiessens leistet hier zumindest dreierlei: Zum einen gibt er den historischen Gegenständen eine Stabilität zurück, die sie im Laufe der Zeit verloren hatten, die Fragmente des Schindeldaches etwa waren kurz vor dem Verfall, als sie abgegossen wurden. Zum zweiten wertet Drescher mit dem silbernen Aluminium banale Alltagsgegenstände auf, wandelt sie um in Kunst, die nun in einer Galerie zum Verkauf bereit steht. Und drittens wird hier ein «Recycling ausgemusterter Gegenstände und deren Geschichte» (Drescher) vorgestellt. Genau dieses Recycling ist der spannende Aspekt dieser Ausstellung, denn die ‹Funklöcher› zwischen vergangener bäuerlicher Kultur und heutigen Lebens, also die Ausmusterung bestimmter Vorstellungen von (Land)Leben, benennen exakt die Defizite derzeitiger, weniger auf Nachhaltigkeit als auf schnellen Profit bedachter Lebensentwürfe.
Diese Form von Zivilisationskritik ist typisch für Dreschers Kunst, so hat er schon 1992 einen in Einzelteile zerlegten Heuwagen rekonstruiert. Die Skulptur ‹Heuwagen/Fiat› stellte, der Titel schon macht es deutlich, dem Autoverkehr ein umweltfreundlicheres Vehikel gegenüber. Genau wie jetzt der silberne ‹Lastschlitten›, 2013, dessen Deichsel darauf hinweist, dass dieser für das Bewegen von schweren Objekten eingesetzte Schlitten mit Pferdestärken gezogen wurde, die kaum CO2 ausstossen. Die silberne Farbe, Andy Warhol lässt grüssen, betont mit ihrer modern-metallenen Anmutung die aktuelle Notwendigkeit solcher Fortbewegung.

Bis: 21.12.2013



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Jürgen Drescher [08.11.13-21.12.13]
Institutionen Mai 36 Galerie [Zürich/Schweiz]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Jürgen Drescher
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