Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
12.2013


Verena Kuni :  Strahlende Schweiz. Allerdings zeigt der lächelnde Mund Spuren von Lippenstift auf den Zähnen. Und es sind Japaner, die den Luftsprung auf dem Gipfel machen. Lassen diese Aufnahmen haarfeine Risse im Klischee des blitzsauberen, weltoffenen und doch heimeligen Alpenlands entstehen?


Zürich : Martin Parr - Souvenirs mit Kratzspuren


  
links: Martin Parr · St.Moritz, St.Moritz Polo Schnee-Weltmeisterschaft, 2011, aus der Serie ‹Think of Switzerland›, Courtesy Magnum Photos
rechts: Martin Parr · Schweiz, Zermatt, 2012, aus der Serie ‹Think of Switzerland›, Courtesy Magnum Photos


Die Frage darf offen bleiben, denn Martin Parr ist bekannt für seinen besonderen Blick für Bilder, die zeigen, wie wir eben jene Welt täglich aufs neue herstellen, die man voreilig für eine Postkarte halten könnte. Es ist ein aufmerksamer und scharfer, aber durchaus auch liebevoller Blick. Dass Parr in Serien arbeitet, ist für ihr Verständnis entscheidend. Sicher: Jede der Fotografien ist stark genug, für sich zu stehen: Ein Stück Welt, an dem man sich satt sehen kann. Tiefe Oberflächen, wohin das Auge blickt. Gleichwohl erweist sich beim Rundgang, welcher Mehrwert in Serie und Sammlung liegt - nicht zuletzt, da sich Parr meisterlich darauf versteht, gerade die Zeichen der Distinktion gegen sich selbst zu wenden: Von St. Moritz bis zur Sharjah-Biennale türmt sich der immergleiche teure Tand. Der bunte Zuckerguss auf zellophanverpackten Speisen, der kitschige Nippes in den Auslagen, klobiger Designerschmuck, der Exzess von Pelzkreationen: Die Warenförmigkeit der Welt kennt Klassenunterschiede hinsichtlich des Preises, aber unter dem Strich macht sie alles und alle gleich. Wir begehren das Einzigartige. Und leben das Klischee.
Produktion und Re-Produktion als ewiger Kreislauf, dem wir kaum entgehen können. Indem Parr aber nicht nur die extremen Enden zeigt, sondern auch, wie nahe Schönheit und Schrecken einander stehen, erzeugt er eine Oszillation, in der die Deckungsgleichheit von Welt und Bild für Momente nicht mehr gegeben ist. Da gibt es ein Innehalten, ein Stocken und Stolpern, weil wir sehen, wie die Bilder entstehen: Wir selbst sind diejenigen, die sie machen. Diese Erkenntnis zählt zum Besten, was eine künstlerische Dokumentarfotografie leisten kann.
Komplettiert wird die Schau durch Parrs Sammlung skurriler Objekte. Man könnte die Uhren mit dem Konterfei von Saddam Hussein, die Teppiche mit den brennenden World Trade Center-Türmen oder die Maggie-Thatcher-Püppchen für eine spezielle Hommage an das Museum halten: Besonders grausamer Kitsch als Gegenbild zur Schule des guten Geschmacks, als Nachweis der Vergeblichkeit ästhetischer Bildung? Weit gefehlt - nicht nur, weil Parrs Fotografien ebenso streng wie liebevoll vor vorschnellen Urteilen dieser Art eher warnen. Vielmehr belegen die Objekte nicht nur die Magie der Dinge, sondern auch jene der Bilder und der Medien, die sie transportieren. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. So machen wir uns nicht nur unsere Erinnerung, sondern auch unsere Welt.

Bis: 05.01.2014



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Martin Parr [12.07.13-05.01.14]
Institutionen Museum für Gestaltung [Zürich/Schweiz]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Martin Parr
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=131123094354A6A-18
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.