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Besprechung
12.2013


Dominique von Burg :  Die Ausstellung mit rund 200 Werken thematisiert den künstlerischen Austausch zwischen Europa und dem Iran zur Zeit des Barock. Der Blick auf die Gegenwart zeigt, dass die iranische Gegenwartskunst zwischen Tradition und Moderne steht und sich im globalisierten Umfeld hervorragend behauptet.


Zürich : Sehnsucht Persien - Hochkultur trifft Gegenwart


  
links: Parastou Forouhar · Just a Minute, 2006, Flash-Animation, 3:4, drei Sequenzen, je 1 Min., Stills aus der ersten Sequenz
rechts: Hamed Sahihi · But in your head, Baby, I'am afraid you don't know where it is, 2010 , zwölf Stop-Motion-­Filme, je 1'


Seit längerer Zeit wird der Iran wegen seines Atomprogramms vor allem mit negativen Schlagzeilen in der westlichen Presse bedacht. Dem Iran-Bashing hält nun das Museum Rietberg Werke einer äusserst raffinierten Hochkultur entgegen: Bilder aus dem safawidischen Persien (1590-1720), persisch anmutende Miniaturen und Textilarbeiten aus dem europäischen Barock sowie iranische Gegenwartskunst. Das Kuratorenteam Axel Langer und Susann Wintsch entfaltet vor unseren Augen eine immens reiche Kultur, die seit den aufkeimenden persisch-europäischen Beziehungen im Barock eine bedeutende Inspirationsquelle war. In den Niederlanden griffen Maler wie Rembrandt und seine Schüler den «Orientalen» als Protagonisten ihrer biblischen Historienmalerei auf. Persische Künstler ihrerseits entdeckten den europäisch gekleideten Jüngling als erotisches Sujet und den Akt als neues Bildthema. Die Faszination für das jeweils Andere ermöglichte Projektionen von Idealen und liess das Eigene mit Elementen des Anderen aufladen. Mit dem Brückenschlag in die Gegenwart zeigen Langer und Wintsch auch, dass das Phänomen der Globalisierung absolut nicht neu ist, sondern in der Barockzeit schon auf diplomatischer, wirtschaftlicher und künstlerischer Ebene blühte. Während Europa Ordensleute und Kaufleute entsandte, schickte der Schah - beunruhigt wegen der Macht des Osmanischen Reiches - seine Botschafter.
Heute treffen sich Kunstschaffende an Biennalen rund um die Welt. Auch in Teheran existiert eine lebendige Kunstszene, wie die Arbeiten von sieben zeitgenössischen Kunstschaffenden bezeugen. Während sie Elemente aus der Vergangenheit Persiens verwenden, kommentieren sie die Gegenwart oft mit kritischem Blick auf das repressive Regime. So nimmt Parastou Forouhar (*1962) in ‹Gewobener Schmerz› Bezug auf die Teppichtradition und verwebt verstörende Folterszenen zu repetitiven Ornamenten. Mandana Moghaddam (*1962) hat das Haar als Signum von - zu verhüllender - Weiblichkeit in eine Art von «haarigem» Tschador transformiert, der Widerstand vermuten lässt. Nazgol Ansarinia (*1979) halbierte eine rosafarbene Matratze und setzte sie neu zusammen. In den gestauchten Dimensionen spiegelt sie die geschrumpfte Bedeutung des Iran angesichts seiner einstigen Grösse. Schliesslich beschreibt Hamed Sahihi (*1980) in ultrakurzen Stop-Motion-Filmen vom radikalen Rückzug in die Innerlichkeit wohl vieler Iraner/innen.

Bis: 12.01.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Sehnsucht Persien [27.09.13-12.01.14]
Institutionen Museum Rietberg [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
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