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Besprechung
12.2013


Markus Stegmann :  Hinter den absichtsvollen Deformationen und Zerstörungen, welche die aktuellen Objekte und Installationen von Lori Hersberger kennzeichnen, verbirgt sich eine geradezu romantische Sehnsucht nach Schönheit. Allerdings erscheint der schöne Schein in der Fragilität seiner materiellen Gestalt.


Basel : Lori Hersberger — Narrativer Minimalismus


  
Lori Hersberger · Mystery Poster I und II, 2013, Sicherheitsglas, Stahlrahmen, je 220x350 cm; Signed MP, 2013, weisse Neonröhren, 290x400 cm; Bag Day II, 2013, rostfreier, spiegelnd polierter Stahl, 90x90 cm; Courtesy Laleh June Galerie Basel


Glassplitter bedecken den Boden der Galerie. Bruchkanten reflektieren kaltes und warmes Licht. Mit schwerem Werkzeug schlug Lori Hersberger (*1962, Basel) auf die Scheiben ein, allerdings nicht blindlings, sondern mit durchaus rationalem Kalkül. Freilich kann er die Sprünge im Sicherheitsglas nicht im Voraus berechnen, wohl aber Zahl und Platzierung der Schläge. ‹Mystery Poster I und II› zeigen sich als parallel gesetzte Paravents, einen Korridor zwischen sich bildend, der jedoch nicht betretbar ist. Hauptakteure sind die Betrachtenden, die beim Umherlaufen die Reflektionen des Lichts im brüchigen Glas zum «Leben» erwecken. Aber was steht eigentlich vor uns? Ein von Vandalen zertrümmertes Bushäuschen, ein nach aussen gekehrtes Kaleidoskop oder die materialisierte Frage nach den Existenzbedingungen von Schönheit? Während der klassische Paravent an der Schnittstelle von Mobiliar und Kunstgewerbe Funktion und Dekor zusammenführt, zeigt sich das «Ornament» bei Lori Hersberger als Resultat massvoller Zerstörung. Die ästhetische Dimension erscheint paradoxerweise im Moment der Zerstörung des Glases.
Auf ganz andere Art vollzog sich die Deformation der ‹Bag Days›, kissenartige Objekte aus Stahlblech mit hochglänzender Oberfläche. Hersberger liess die Gebilde «aufblasen», bis sie sich verformten. Hart, eisig und spiegelnd hängen sie an der Wand. Wenn wir an ihnen vorbeigehen, verändern sich ihre Lichtreflexe und die Verzerrungen unseres Spiegelbildes. Zwar lassen die Verformungen an verbeulte Autos denken, doch die unterkühlte Ästhetik der Objekte ist nicht zu übersehen: Auf Hochglanz poliert führen sie ihre spiegelnde Schönheit selbstbewusst vor, nur leider verunfallt sozusagen, böse zerknautscht, unschön verformt. Allerdings verleiht erst die Deformation dem spiegelnden Schein schöner Oberfläche seine existentielle Tiefe. Schönheit ist nur gegen die Verletzung materieller Gestalt zu fassen. An eine doppelläufige Flinte oder einen Doppelauspuff lässt ‹Mystery Poster No. 1› denken: Hersberger liess schwarzes Pigment durch ein weisses Doppelrohr fallen. Am Boden sammelt es sich als fiktive Erinnerung an einen Schuss oder ein Auto. Die «unschuldigen» weissen Rohre und das «böse» schwarze Pigment: ein narrativer Minimalismus, anspielungsreich und nicht ohne subtilen Humor.

Bis: 31.01.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Lori Hersberger [07.09.13-31.01.14]
Institutionen Laleh June Galerie [Basel/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Lori Hersberger
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