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Besprechung
12.2013


Raimar Stange :  Berlin im Malereifieber: In der Neuen Nationalgalerie, der Deutschen Bank Kunsthalle, der Berlinischen Galerie und den KunstWerken war gerade die Ausstellung ‹Painting forever› zu sehen, jetzt zeigt das Haus am Waldsee Christine Streuli. Erfährt man in dieser Ballung mehr über die Relevanz des Mediums?


Berlin : Christine Streuli - Die Vorführung der Verführung


  
Christine Streuli · Frank, 2012, Courtesy Sammlung des Kantons Zürich (links) und Smash it, 2013 (rechts), Ausstellungsansicht Haus am Waldsee. Foto: Bernd Borchardt


Christine Streuli beherrscht ihr Malereiprogramm: Wie ein DJ am Mischpult sampelt sie in ihren Bildern visuelle Elemente aus der High and Low Art. Abstrakte Muster und grafische Ornamente sind da ebenso zu finden wie beispielsweise Signs und Logos. Streuli zitiert zudem aus jüngerer und älterer Kunstgeschichte und auch ihr eigenes Werk wird da gleichsam «geremixt» und in neue malerische Kontexte gebracht. Auch nutzt die Künstlerin jedes denkbare Format für ihre Kunst, kleinteilige Ensembles hängen da neben wandfüllenden Bildern, und diese sprengen dann auch schon einmal ganz konkret den Rahmen, indem ihre Farbverläufe sich auf der Tapete des Ausstellungsraums fortsetzen - diese Tapete ist dann natürlich ebenfalls von Streuli gestaltet. Malen im vielleicht «eigentlichen» Sinn, also mit Hilfe eines Pinsels, dagegen tut Streuli eher selten, stattdessen arbeitet sie mit schablonierten Papierfragmenten, ausgeschnittenen Umrisslinien oder geschichteten Punktrastern. Ein gutes Beispiel für diese künstlerische Strategie ist ihr Bild ‹Frank›, 2012, auf dem u.a. florale Motive, abstrakt-geometrische Ornamente und dynamisch dargestellte Pinselstriche in verwirrender Fülle auf der Bildfläche versammelt sind. Ein Vorbild dieser postpoppigen Ästhetik ist da schon im Titel genannt: Frank Stella.
Das Ergebnis dieses Schaffens kann sich durchaus sehen lassen: In ihrer Ausstellung ‹Nonstoppainting› hat Streuli die zwei Etagen des ‹Haus am Waldsee›, eine alte Gründerzeitvilla, in einen Bilderdschungel verwandelt, der einen mit seiner überwältigenden Fülle und Farbigkeit bewusst zu überfordern sucht. Diese Überforderung durch ein konsequentes Zuviel führt zu einem Verlust an sinnlicher Kontrolle und diese erlaubt dann eben die «Verführung», um die es, so auch der Pressetext zur Ausstellung, in dieser Kunst immer wieder geht.
Gerade durch ihren respektlosen, experimentellen Umgang mit dem altehrwürdigen Medium Malerei unterscheidet sich ‹Nonstoppainting› von dem Ausstellungsprojekt ‹Painting forever› in erfrischender Weise. In dessen Ausstellungen nämlich wurde fast durchweg brav auf Malerei mit Pinsel auf eingerahmter Leinwand gesetzt. Nur: Das Thema von Reizüberflutung und verführerischer (Waren)Ästhetik wurde bereits in den Achtzigerjahren durchkonjugiert, mit durchaus ähnlichen formalen Mitteln. Auch Streulis wandfüllenden Formaten verweigern die Antwort darauf, ob Malerei heute noch diskursfähig ist.

Bis: 05.01.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Christine Streuli [02.10.13-05.01.14]
Institutionen Haus am Waldsee [Berlin/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Christine Streuli
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