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Hinweis
12.2013




Luzern : Corpus Delicti


von: Gabriel Flückiger

  
links: Caroline Bachmann und Stefan Banz · White Spirit, 2009/2013, Ink-Jet-Print, 15x10 cm
rechts: Sabian Baumann · Earthboy, 2004 (Badehose) Ungebrannter Ton, Kleidung


«Der Künstler, der sein Modell naturalistisch kopierte, hat vergessen, die Füsse, die Beine [...] und den Kopf wiederzugeben.» Gustave Courbets ‹L'Origine du Monde› von 1881 erregte die Gemüter. Die realistische Wiedergabe eines weiblichen Unterkörpers mit behaartem Geschlechtsorgan war nicht allein aufgrund des Motivs anstössig, sondern auch der Darstellungsart wegen. In fragmentarischer Ansicht wird der weibliche Körper zum anonymen Bild-Objekt des männlichen Begehrens. Marcel Duchamps Installation ‹Étant donnés: 1° la chute d'eau 2° le gaz d'eclairage›, gut hundert Jahre später, ist eine räumliche Adaption dieser Blick-Lust. Der französische Künstler baute in eine zerfallene Holztür Gucklöcher ein, die das Publikum zum Voyeur vor einer sich räkelnden nackten Frau in einer Landschaftszenerie machen. Im installativen Wahrnehmungsdispositiv unterliegt das Lustvolle aber einer normierten Blickführung; man ist gezwungen, zwischen die Schenkel der weiblichen Puppe zu schauen.
In der Ausstellung ‹Corpus Delicti - Im Blick des Begehrens› der Alpineum Produzentengalerie sind Ansätze solcher Spielereien mit Blickregimes um den nackten (nicht nur weiblichen) Körper nun Hauptthema. So zeigt die kinematografische Fotografie von Stefan Banz und Caroline Bachmann ‹White Spirit› die Guckloch-Aussicht von Duchamps ‹Étant donnés›, setzt aber vor die malerische Kopie ein nacktes Modell, das - nun im realen Raum - auf einem Gerüst sitzt und umgeben von lauter Malutensilien uns schüchtern-eindringlich anschaut. Die Dominanz des männlichen Blicks nicht dekonstruierend, umkreist die Fotografie das Stereotyp der erotisierten Maler-Modell-Beziehung und distanziert jene zugleich, da die körperliche Erscheinung einem gekünstelten, digitalen Abbild ähnelt.
Der ungebrannte, mit einer Joop-Badehose bekleidete Ton-Torso von Sabian Baumann wird dagegen zur rudimentären Version eines fetischisierten Körperkults, der schicke Warenästhetik und roh-unvirtuos gestaltetes (Körper)Material dialektisch miteinander verknüpft. Auch ausufernde Körperpraktiken werden in die von Monika Mèller und Stefan Meier kuratierte Ausstellung miteinbezogen. So evozieren Christoph Studer-Harpers mit handwerklicher Sorgfalt erstellte «interim»-Gegenstände imaginäre Verwendungszwecke, die in verunsichernder Unklarheit zwischen Lust-, Folter- und Gewaltinstrument schweben.

Bis: 18.01.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Corpus Delicti – Im Blick des Begehrens [14.12.13-18.01.14]
Institutionen Alpineum Produzentengalerie [Luzern/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
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