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12.2013




Paris : Heidi Bucher


von: J. Emil Sennewald

  
links: Heidi Bucher · Ausstellungsansicht CCSP, 2013. Foto: Marc Domage
rechts: Heidi Bucher · Historische Aufnahme, Courtesy CCSP


Das Verblüffendste ist ihre Aktualität.Man könnte fast meinen, Heidi Bucher, mit ihrem Tod 1993 «schlagartig aus dem Gedächtnis der Kunstwelt» verschwunden, wie Philip Ursprung anlässlich einer Retrospektive im Migros Museum 2004 schrieb, sei mit ihren Formen unbewusst präsent. Man findet Züge ihres Umgangs mit Objekten im Raum bei Katinka Bock (*1976) , erkennt Buchers ‹Rosa Bett› von 1973 in Ulla von Brandenburgs (*1974) Interieurs aus Stoff, ihren ‹Flur (Ahnenhaus)› von 1980, der als Fahne vor dem Haus herunterhing, in ‹Oma's kitchen floor›, 2008, den der Engländer Oliver Beer (*1985) jüngst in Lyon aufhängte. Das zweite, was angesichts ihrer oft vergänglichen Installationen auffällt, ist ihre Zeitgenossenschaft. In den plattgedrückten Kleidern, die sie seit 1970 mit Latexüberzug wie eine Erinnerung an ihre Träger konservierte, liegt verdichtet die Arbeit an der Präsenz des Abwesenden, wie sie Christian Boltanski (*1944) berühmt gemacht hat. Der Umgang mit dem architektonischen Raum als ‹Bodyshell› oder ihre mobilen Stoff-Behausungen ‹Landings to wear› von 1971 wirken wie eine weibliche Version von Absalon (*1964) - er starb im selben Jahr wie Bucher. Ihre Häuser-Häutungen wie ‹Herrenzimmer›, 1977-1979, für die sie Tücher über Wände, Fenster und Türen breitete und dann mit Gummilösung bestrich, um nach Trocknung das Ganze abzuziehen, formten mit den Lebens-Spuren der Räume nach, wie Gesellschaft und Normen in Holzvertäfelungen und Zimmerecken hausen. Ein ähnlicher Umgang mit dem Wohn- als politischem Raum ist bei Edward Kienholz (*1927) zu finden, ein enger Freund von Heidi Bucher. Sie lebte in den Siebzigern in Kalifornien, stellte 1972 ihre Bodyshells und Bodywrappings im Los Angeles County Museum of Art aus. Die kleine Retrospektive der in Frankreich nahezu unbekannten Heidi Bucher wirkt mit ihren Raumformen vertraut - man denkt an den ebenfalls erst seit ein paar Jahren in Frankreich wiederentdeckten Franz Erhard Walther - und macht doch die Wohnhaut als Fremdkörper erfahrbar. Buchers Werk wird frisch präsentiert, Anknüpfungen sind möglich - das ist für Künstler/Innen in Frankreich interessant, die mit dem Objekt und seiner historisch-gesellschaftlichen Ladung umgehen. Sicher, vieles ist heute Geschichte. Wenn Bucher 1978 sagt: «Ich, und damit sind eigentlich alle Frauen gemeint, wir haben zu Tüchern einen ganz urtümlichen Bezug. (...) Wir sind das. Wir als Ganzes», gehört das zu einem Bewusstwerdungsprozess weiblicher Kulturation, dessen mythisch-spiritualistische Seite heute distanziert zu betrachten wäre. Die in ihrem Aktualitätsbezug gelungene Ausstellung ermöglicht einen kritischen Blick zurück auf die Zukunft installativ-inszenierter Arbeit.

Bis: 08.12.2014



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Ausgabe 12  2013
Ausstellungen Heidi Bucher [13.09.13-08.12.13]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Heidi Bucher
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