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Fokus
1/2.2014


 Die erste Überraschung in den fotografischen Reihen von Barbara Probst lässt sich leicht aufklären: Ja, alle Aufnahmen zeigen dieselbe Situation zu genau demselben Zeitpunkt. Oft ist es ein Detail, an dem wir die Rekonstruktion der ursprünglichen Szenerie der Bildserie beginnen. Doch beim Füllen der Lücken setzen Zweifel an der Kohärenz des Raumes ein.


Barbara Probst - Ein Mehrfachporträt in Räumen der Imagination


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Exposure #103: N.Y.C., 401 Broadway, 12.05.12, 4:26 p.m., 2012, Ultrachrome auf Baumwollpapier, 3 Teile, je 92x137 cm, ed 4/5 ©ProLitteris
rechts: Exposure #91: N.Y.C., Prince & Mercer Streets, 06.22.11, 10:41 a.m., 2011, Ultrachrome auf Baumwoll­- papier, 3 Teile, je 92x108 cm, ed of 5/5 ©ProLitteris


Ein brauner Pilz mit aufragender Krempe, ein Plastikhaus für Modelleisenbahnen, eine kleine rote Amphore, eine freistehende weisse Wand (ein weisser Klotz), das Bild einer umwölkten Bergkette, dazwischen zwei grosse schillernde Seifenblasen: Das Setting dieser Elemente erinnert an ein Stillleben, in dem alle Proportionen traumhaft gebrochen sind und die Vergänglichkeit von Seifenblasen einen Moment aussetzt. Durch vier divergierende, fast schon disparate Ansichten beginnt sich diese Landschaft der Erinnerung im Panorama von Fotografien zu bilden und löst sich zugleich auf. Zwar vermag jedes einzelne Format als Bild zu bestehen und eröffnet seine eigenen Bedeutungsstränge. Gleichzeitig beginnt zwischen den Bildern eine mentale Reise, bei dem die Distanzen und Winkel zwischen den Ansichten ausgelotet und die zahllos möglichen alternativen Ansichten ermessen werden. Die mögliche Fülle lässt die vorliegenden vier Perspektiven als subjektive Entscheidung erscheinen und verweist uns damit auf die eigene Subjektivität: Bildet diese Bühne einen gemeinsamen Ort oder sind wir selbst das wechselnde Zentrum einer mentalen Landschaft?
«Voraussetzung für diese Raumproblematik ist wohl die Gleichzeitigkeit der Bilder, die es ermöglicht, dass man davon ausgehen kann, dass es genau zu dem Zeitpunkt der Entstehung der Bilder (einer Reihe) den fotografierten Ort oder den fotografierten Gegenstand als Raumeinheit gegeben hat. Im Falle einer Chronologie der Bilder wäre das nicht unbedingt gegeben. Ich glaube meine Bilder zersplittern diese Einheit, indem sie sich durch ihre Unvereinbarkeit und Unstimmigkeit zueinander als illusionistisch enthüllen. Und genau hier kommt der Raum zwischen den Bildern ins Spiel. Dieser Raum ist der Ort, in dem der Betrachtende, der ja erkennen will, versucht, diese Splitter zusammenzusetzen. Der Kitt, der zum Zusammensetzen dieser Splitter nötig ist, ist das Imaginäre. Ich bin sehr an der Problematik der Subjektivität interessiert. Eben nicht nur im Hinblick auf die Bilder, sondern auch im Hinblick auf den Raum zwischen den Bildern.»

Szenographien
Seit ‹Exposure # 1: N.Y.C., 548 8th Avenue, 01.07.00, 10:37 p.m.› sind alle Arbeiten nummeriert. «Exposure» bezeichnet zunächst ganz technisch die Belichtungszeit, meint aber auch ausgesetzt sein, bedeutet die Offenlegung bis zur Blossstellung und Gefährdung. In den früheren Reihen von Barbara Probst vermittelt der per Funk synchronisierte, exakt ausgelöste Augenblick der unterschiedlichen Aufnahmen präzise Konfigurationen von Menschen in urbanen Räumen, häufig in den Strassen New Yorks, zwischen Innen- und Aussenräumen, zwischen bewegten und stehenden, objekt- oder bereits bildhaften Motiven.
Eine der komplexesten Inszenierungen stammt aus dem vergangenen Jahr: ‹Exposure # 107: N.Y.C., Broome & Crosby Streets, 04.17.13, 2:34 p.m.›. In neun synchronen Aufnahmen, sechs in Farbe und drei in Schwarz-Weiss, wird an einem sonnigen Nachmittag bei offenem Fenster das Geschehen unten auf der Kreuzung in SoHo mit dem Stillleben loser Gegenstände auf dem Clubtisch in einer Wohnung verknüpft. Ein angebissener Apfel eröffnet die Reihe. Noch dreimal wird er wieder erscheinen, bis er in makelloser Gestalt, rot, glänzend, allein vor blauem Grund, die Reihe wieder abschliesst. Eine Frau am Fenster blickt flüchtig über die Schulter in den Raum zurück und verbindet dabei innen und aussen dieser Szenerien. Was wohl der weisse Kühllastwagen, der eben auf die Kreuzung einbiegt, mit sich führt? Nur ganz unscheinbar hinter dem Clubtisch ist in der sechsten Aufnahme auch eine der Fotokameras ins Bild gerückt.
Nicht selten treten die Aufnahmegeräte gleich mehrfach auf, oder fokussieren sich Aufnehmende im Moment des Auslösens, womit die fotografische Illusion gebrochen und eine Situation, wie die Bühne in Brechts epischem Theater, durch Verfremdung auch die Bedingungen ihrer Produktion offenlegt. Schlichter in der Anlage, doch nicht weniger rätselhaft, sind die ‹close ups›, die Doppel- und Mehrfachporträts, bei denen der Blick in die Kamera besonders irritiert, dieser Moment der Kommunikation zwischen Körper und Gerät. Zwischen diesen leicht verschobenen Ansichten kommt auch unser Blick nie zur Ruhe. Das Betrachten wird zur permanenten Auseinandersetzung mit der Aufnahme.

Stills ohne Film
Während sich der Film-, Video- und Fotokünstler David Claerbout in scheinbar verwandten Arbeiten eher filmisch von einer bis zur reinen Statik verlangsamten Bewegung multiplen Situationen annähert, entwickelt Probst, fast skulptural, ein polyperspektivisches, in sich gebrochenes Tableau, bei dem die Bewegung primär in den geistigen Verknüpfungen zwischen den bildhaften Aspekten einer Situation geschieht.
«Hier finde ich es auch wichtig zu sehen, wie sich der Film hinsichtlich dieser Problematik verhält. Ich sehe da Ähnlichkeiten mit meiner Arbeit. Dass diese einen filmischen Anschein hat, kommt wohl von genau dieser Raumkonstruktion bzw. Raumzersplitterung, die im Film ebenfalls durch die verschiedenen Einstellungen/Kamerapositionen innerhalb einer Szene passiert. Film konstruiert Raum in chronologischer Weise. Die gleichzeitige Präsenz verschiedener Raumsplitter in meiner Arbeit verursacht den Drang zur Zusammenfügung. Dieser Drang wird aber bei der chronologischen Abfolge des Films eigentlich nicht hervorgerufen.»
Angesprochen auf den Kubismus, benennt Probst als grundlegenden Unterschied, dass sie die Illusion eines Gegenstandes in der Fläche nicht mehr unterstützen, sondern brechen möchte. Gerade weil sie ursprünglich von der Skulptur ausgegangen sei, versuche ihr räumliches Denken die Flächigkeit der Fotografie zu durchbrechen, erläutert sie im Gespräch mit Frédéric Paul im Katalog zur Ausstellung in Biel.
Vor dem aktuellen wahrnehmungsgeschichtlichen Horizont, wo Panorama-Apps für jedes Handy und der nahtlose Zoom zwischen Weltall und Vorgarten im Alltag den euklidischen Raum virtuell rekonstruieren, verweist Barbara Probst mit ihrer Kritik an der fotografischen Objektivität auf einen neuen, durch subjektive Entscheidung begründeten Umgang mit Bildern der Wirklichkeit.

Nature vivifiée
Eines der neusten dreiteiligen Stillleben, ‹Exposure # 103›, 2013, zeigt einen prallen Apfel, wie er über einer Tischplatte schwebend, zwischen Gläsern und Vasen im freien Fall einhält. «Im Hinblick auf den schwebenden Apfel: Für mich sind die Bilder dieses eigentlich fallenden Apfels besonders fotografisch. Sie erinnern mich an das Zielfoto der Hundertmeterläufer, das für die Erkennung des Siegers manchmal nötig ist. Sie sind mit einer so kurzen Verschlusszeit fotografiert, dass Apfel wie Läufer ziemlich scharf erscheinen. Mit dem blossen Auge ist ein solch kurzer Moment nicht sehbar. Übrigens finde ich, dass die Läufer in den Aufnahmen auch eher schwebend oder wie unter Wasser aussehen, als in extremer Bewegung. Ich weiss nicht, ob sich schon mal jemand mit der Poesie dieser Aufnahmen beschäftigt hat?»
Im Französischen verdoppelt der Begriff «nature morte» die Todesverwandtschaft der Fotografie, von der schon Roland Barthes gesprochen hat: «ça a été». Bei Probst wäre dagegen von «nature vivifiée» zu sprechen: Ihre Fotografie verleiht den unbelebten Gegenständen, wie den Menschen und Landschaften, die sie prismatisch einfängt, ein zweites Leben in den virtuellen Räumen, die das Zusammenspiel zwischen Aufnahmen und Leerstellen eröffnen. Diese Bilder wirken nicht nur poetisch. Mit ihren Brechungen fordern sie von uns auch Poesie als aktive Kraft der Imagination.Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker und Dozent, Bern. hreust@bluewin.ch

Alle Zitate: Barbara Probst, Mail an den Autor, am 26.11.2013


Bis: 06.04.2014


Künstlergespräch am 2.2., 14.30 Uhr.
Katalog mit Texten von Felicity Lunn, Jens Erdman Rasmussen, Lynne Tillman und einem Interview mit Barbara Probst von Frédéric Paul, hrsg. National Museum of Photography Kopenhagen und Kunsthaus CentrePasquArt Biel, Verlag Hatje Cantz



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Barbara Probst [02.02.14-06.04.14]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Barbara Probst
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