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Fokus
1/2.2014


 Seit 1896 veranstaltet das Carnegie Musem of Art in Pittsburgh die Carnegie International, eine der ersten Biennalen überhaupt. Daniel Baumann, Direktor der Adolf Wölfli-Stiftung Bern, kuratierte mit Dan Byers und Tina Kukielski die aktuelle Ausgabe und spricht über Biennalen, das idealistische Europa und warum Kunst keine Leitdisziplin ist.


Carnegie International - Manierismus der Gegenwart


von: Pablo Müller
von: Daniel Baumann

  
links: Nicole Eisenman · Installationsansicht, Courtesy Koenig & Clinton, New York. Foto: Greenhouse Media
rechts: Tezuka Architects · Installationsansicht, 2013, Courtesy Tezuka Architects. Foto: Greenhouse Media


Müller: Der Sprung nach Pittsburgh ist auf den ersten Blick die Traumkarriere eines Kurators. Auf der anderen Seite - Bedingung war ja, während der Vorbereitung der Ausstellung vor Ort zu wohnen - bedeutete dies für dich und deine Familie für fast zwei Jahre nach Pittsburgh zu ziehen. Was hat dich an diesem Job gereizt?

Baumann: Einerseits fand ich das Modell interessant. Die Motivation für die Gründung der Carnegie International war, internationale Gegenwartskunst nach Pittsburgh zu bringen. Aus dieser Ausstellung kauft das Carnegie Museum of Art seither Kunst für die Sammlung an. Soweit ich weiss, gibt es keine andere Biennale, die an ein Museum gebunden ist und dazu genutzt wird, Werke für die Sammlung anzukaufen. Das Carnegie Museum ist eine traditionsreiche Institution in einer sehr traditionsbewussten Stadt mit einer wohlhabenden Schicht alter Familien. Auf vielen Ebenen gibt es Reibungsflächen, es ist eine internationale Ausstellung mit Tradition, Ausstrahlung und Renommee und dementsprechend wird sie erwartet, beobachtet und beurteilt. Das interessierte mich.

Müller: Vorher warst du als Kunstkritiker tätig und hast als unabhängiger Kurator gearbeitet. Unter anderem hast du das Projekt Nordtangente-Kunsttangente in Basel betreut und den unabhängigen Kunstraum New Jerseyy mit gegründet. Wie hast du die Arbeit im institutionellen Rahmen erlebt?

Baumann: Institutionen sind einem starken Wettbewerb ausgesetzt. Heute machen Galerien teilweise grössere und gewichtigere Ausstellungen als Museen, es gibt hoch dynamische Museen von Privatsammlern - ein Blick nach Basel genügt - und Kunstmessen bieten Rahmenprogramme, die sich in Intensität und Umfang kein Museum leisten könnte. Andererseits möchten Museen heute sein wie Kunsthallen und Galerien, schnell, spektakulär, zeitgemäss. Dann scheuen sie aber doch die Risiken und bleiben konservativ. Ein Teil der mangelnden Flexibilität ist normal, da ein Museum eine Sammlung hat, die wohl fünfzig bis sechzig Prozent der Ressourcen und des Personals bindet. Das Museum hat wohl gerade eine Identitätskrise.

Müller: Die Carnegie International, ursprünglich der erste Ort für Gegenwartskunst in den Vereinigten Staaten, hat in den letzten Jahren an Prestige verloren. Was ist der Grund dafür?

Baumann: Die starke Zunahme von Biennalen in den letzten zwanzig Jahren. Ein weiterer Grund ist, dass die Amerikaner in der Diskussion um das Format Biennale, wie sie in den letzten Jahren in Europa stattfand, nicht mitgemacht haben. In den Vereinigten Staaten spielt das Format Biennale eine marginale Rolle. Neben der Carnegie International gibt es die Whitney Biennale in New York, die aber nur amerikanische Künstler zeigt. Die Biennalen in Santa Fe und New Orleans finden erst seit kurzem und nur unregelmässig statt. Das heisst, es gibt wenig Kontinuität und in der amerikanischen Kunstlandschaft ist eine Biennale fast schon eine Kuriosität.

Müller: 2016 findet in Zürich die Manifesta statt. Was ist aus deiner Sicht die Chance eines solchen Kunst-Events?

Baumann: Die Chance einer Biennale ist es, Qualität zu erbringen und Experimente zu wagen, um sich der Frage zu stellen, was Kunst heute soll und welche Funktion eine solche Ausstellung hat. Meistens wird das mediengerecht mit einem Schlagwort erledigt - die Kunst muss politisch sein usw. Dies ist aber Bevormundung. Jeder und jede soll es sich selbst ausdenken können und verschiedene Antworten finden.

Eine stärkere Professionalisierung
Müller: Die Kunst hat in den Vereinigten Staaten einen ganz anderen Stellenwert als in der Schweiz. Es gibt ein anderes Selbstbewusstsein im Kunstbetrieb und eine stärkere Professionalisierung. Wie hast du diese Unterschiede erlebt?

Baumann: Der Kunstbetrieb ist hier tatsächlich stärker professionalisiert, d.h. kommerzialisiert. Die Museen funktionieren wie Firmen, Galerien ebenso und Künstler sein ist ein hochkompetitiver Job. Ein Künstler ist ein Dienstleister, sein Beruf ist ein Beruf wie jeder andere auch, und ein Museum funktioniert wie ein Unternehmen, inklusive einer manchmal schwer erträglichen Corporate Culture. Das heisst, Kunst wird weniger idealisiert als in Europa. Dort ist sie der Hoheit des Staates unterstellt, den Kantonen und Gemeinden, in den USA dagegen den privaten Stiftungen und den Reichen. Dies aber mit dem Selbstverständnis eines breiten kulturellen Auftrags. Es ist ganz normal - ja es wird sogar erwartet - einen Wohlhabenden  zu fragen: Wärst du bereit, uns mit 10'000 Dollar zu unterstützen? Und dann sagen diese: Nein, ich bin schon hier und dort engagiert. Oder: Ja, das mache ich. Das Mäzenatentum ist Teil der Kultur, es ist nicht nur für eine wohlhabende Person selbstverständlich, viele Aufgaben zu übernehmen, die in Europa der Staat übernimmt.

Müller: Eure Ausgabe zeigt exemplarisch die Konventionen einer Grossausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie breitet einen Fächer von Präsentationsmöglichkeiten aus. Nicht nur in den eigentlichen Ausstellungsräumen ist Kunst zu sehen, sondern auch in den Nebenräumen, auf den Plätzen um das Museum herum und in peripheren Zonen. Zugleich gibt es eine unüberschaubare Vielfalt an künstlerischen Verfahren. Es gibt Werke in allen Medien und medialen Kreuzungen. Natürlich mit dabei ist eine institutionskritische Reflexion des Ausstellungsdispositivs. Mit ‹The Playground Project› gibt es ein recherchebasiertes Projekt und dann mit ‹Transformazium› natürlich das obligate Community-Projekt, mit dem die lokale Bevölkerung - insbesondere ein kunstfernes Publikum - mit einbezogen wird. Die Ausstellung hat von allem etwas.

Wir verkaufen Sprachen
Baumann: Der Kritiker Peter Schjeldahl meinte in seiner Besprechung im New Yorker, die Ausstellung hätte etwas «Neo-Manieristisches». Das liegt an der Zeit. Wir produzieren Information, das ist unser Business, mit dem machen die Leute das Geld. Die Produktion der Gegenstände ist ausgelagert, insbesondere in den USA, die ja neidisch auf Made in Germany blicken. Das heisst, wir verkaufen Sprachen und müssen, um erfolgreich zu sein, diese gut kennen. Wir jonglieren mit Sprachen, oder, wie du sagst, Ausstellungsdispositiven. Das hat etwas Manieristisches, aber auch etwas Integratives, weil es unterschiedliche Zugänge schafft und weniger hierarchisch ist. Ist es populistisch? Nein, denn die einzelnen Kunstwerke sind anspruchsvoll. Das heisst, die Erfahrungen, die in der Ausstellung gemacht werden können, sind nicht manieristisch, auch nicht oberflächlich, sondern hoffentlich unvergesslich. Viele Ausstellungen funktionieren ja umgekehrt: Das Konzept ist autoritär und ambitiös, das Kunsterlebnis dann, wie man hier sagt, «underwhelming».

Müller: Ist die gegenwärtige Zeit wirklich so fragmentiert und die Möglichkeit eines gemeinsamen Erfahrungsraums tatsächlich passé? Ihr habt auf einen inhaltlichen Faden für die Ausstellung verzichtet und damit auch auf eine mögliche gemeinsame Bedeutung . Stattdessen habt ihr, wie ihr sagt, die Kunst in den Vordergrund gestellt.

Baumann: Durch ein Thema wird ein Referenzraum vorgeschrieben. Meistens macht man dann die Erfahrung, dass das Kunstwerk über etwas anderes spricht als über diesen Referenzraum. Müssen die Kunst oder eine Ausstellung tatsächlich Wegführer sein? Warum kann es nicht einfach ein Feld sein, in dem man gewisse Erfahrungen macht, und das ist es dann - obschon Kunst ja durchaus das Leben verändert. Es ist eben nicht eine religiöse Erfahrung, die einen durch das Leben leitet. In diesem Sinn sind die unterschiedlichen Formate und Formen gerade ein Votum dafür, dass die Kunst sich gar nicht zu einer Führerschaft aufschwingen kann.

Müller: Wieso muss eine Fragestellung die Kunst ihrer Freiheit berauben? In den Kunstwerken geht es doch immer um etwas und dieses Etwas könnte von den Kunstwerken her in einer Ausstellung herausgearbeitet werden.
Baumann: Einverstanden. Nur dass diese Fragestellungen mit wenigen Ausnahmen nach PR riechen, abgedroschen daherkommen oder mittels einer Ausstellung nicht zu beantworten sind. Da schien es uns wichtig, auf Feld eins zurückzukehren und der Kunst den Vorrang zu geben. Daraus ergaben sich dann wichtige Themen, die wir als Leitplanken für den Besuch der Carnegie International 2013 vorschlagen. Dazu gehört, wie Geschichte von Künstlerinnen und Künstlern aus Israel, Vietnam, Südafrika, Indien, Mexiko, aber auch aus den USA radikal anders gelesen wird. Als weiteres wichtiges Thema tauchte die Idee eines «Sense of Place» auf. Am meisten erstaunt hat mich aber die starke Präsenz der menschlichen Figur. Sie taucht nicht aus nostalgischen Gründen auf, um einmal mehr ein zweifelhaftes Menschenbild zu propagieren, sondern als Ort für Widerstand und politischen Aktivismus.

Müller: Was sind deine Pläne für die Zeit nach Pittsburgh?
Baumann: Geld verdienen und überlegen, was ich als Nächstes machen will oder kann.
Pablo Müller, Kunstkritiker und Kunsthistoriker, lebt in New York und Zürich. pablomueller@gmx

Bis: 16.03.2014



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen 2013 Carnegie International [05.10.13-16.03.14]
Institutionen Carnegie Museum of Art [Pittsburgh/USA]
Autor/in Pablo Müller
Autor/in Daniel Baumann
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