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Fokus
1/2.2014


 Den Preis für die Vermittlung visueller Kunst verliehen der Schweizer Kunstverein und visarte Schweiz erstmals an einen Verlag. Der Zürcher Kleinverleger Benjamin Sommerhalder verfolgt mit Nieves ein ambitioniertes Programm und äussert sich hier über die Gründung und Ausrichtung des Verlags sowie die Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden.


Benjamin Sommerhalder - Nieves, ein Kleinverlag für die Kunst


von: Gabriel Flückiger

  
links: Beni Bischof · Cillit Bang, Dash, Omo and Friends, 2011, 112 Seiten, 19,5x25,5 cm, s/w-Offset, erste Edition
rechts: Stefan Marx · Spencer Street, 2013, 24 Seiten, 14x20 cm, s/w-Fotokopie, Edition von 100


Flückiger: Noch während deiner Studienzeit in der Grafikfachklasse an der ZHdK hast du das Magazin ‹Zoo› herausgegeben. Welche Bedeutung kam da der Gründung eines eigenen Verlags zu und welche Rolle spielten die Zines dabei?

Sommerhalder: Der Verlag wurde 2001 anfänglich zum Vertrieb von ‹Zoo› und ‹100›, einem Magazin des Grafikers Lex Trüb, gegründet. Im Laufe der fünf Ausgaben von ‹Zoo› wurde der eigenständige künstlerische Anspruch der Publikationen wichtiger und da ich die Tätigkeit im Verlag ausbauen wollte, doch in den Ressourcen beschränkt war, kam die Idee der Zines auf. Zines sind günstig, einfach und schnell zu produzieren. Jeweils ein/e Künstler/in wurde eingeladen, das vorgegebene 21x20 cm-Format mit ungefähr zwanzig Seiten in einer Auflage von hundert Stück zu bespielen. Anfangs ging ich jeweils selbst ins Kulturbüro und liess sie dort fotokopieren, falten, binden und schneiden.

Definition eines Zine

Flückiger: Der Begriff Zines leitet sich von Fanzines ab und bezeichnete ursprünglich Musik-Heftchen der Siebzigerjahre, die nicht kommerziell produziert wurden und über Ereignisse in der jeweiligen Szene berichteten. Im Umfeld von Strömungen wie Progressive Rock, Ska oder Punk war man mittels Fanzines vernetzt und erarbeitete sich so subkulturelle Kommunikationsmöglichkeiten abseits des Mainstreams. Wie verortest du dich mit dem Verlag gegenüber diesen Ursprüngen?­

Sommerhalder: Obwohl mir diese Gedanken zusagen, ging es mir nicht um den Aspekt des subkulturellen Undergrounds. Ich wusste von der historischen Entwicklung des Zines-Formats, doch habe ich die Tätigkeit von Nieves nicht in diesen Kontext gestellt. Zine war zu Beginn der Serie auch nicht ein zwingender Begriff, die Benennung der Büchlein hätte auch Booklet oder Pamphlet sein können. Meine Definition von Zines bezieht sich auf eine Publikation, die nicht in Offset, sondern in einer alternativen Druckform wie zum Beispiel Fotokopie, Risographie oder Siebdruck hergestellt ist, eine kleine Auflage hat und von Hand gemacht ist. Als 2004 die ersten Zines bei Nieves erschienen sind, war dies noch kein bekanntes Konzept, ab und zu musste ich Künstler/innen regelrecht von der Legitimität dieser Publikationsform überzeugen. In den ersten Monaten - wir produzierten pro Monat drei Zines - war es schwierig, die Zines unter die Leute zu bringen, was mich oft am Vorhaben zweifeln liess. Doch noch im selben Jahr entstand eine kleine Sammlergemeinde und mittlerweile ist der Verlag bekannt für die Zines, welche weiterhin in regelmässigen Abständen erscheinen. Nächstes Jahr werden wir unsere 200. Ausgabe publizieren.

Flückiger: Sie sind aber nur ein Teil deiner publizistischen Tätigkeiten.

Sommerhalder: Daneben gibt es bei Nieves Künstlerbücher - auch hier wurde mir erst im Lauf der Zeit bewusst, dass sie Künstlerbücher genannt werden können. Ich nenne sie ‹Bücher›, da sie im Gegensatz zu den Zines im Offset gedruckt sind und in einer grösseren Auflage hergestellt werden. Der Umfang kann von 16 bis 1500 Seiten sein.

Flückiger: In den letzten Jahren hat die Produktion von künstlerischen Zines einen grossen Zuwachs erhalten, an Kunsthochschulen werden Praxisseminare zu ­Zines angeboten. Hat Nieves einen Anteil an dieser Entwicklung?

Sommerhalder: Was bei Nieves neu war, ist, dass ein Verlag Zines herausgibt. Eigentlich völlig absurd, weil man damit gar kein Geld verdienen kann. Wir verkaufen die einzelnen Exemplare zu einem Preis von acht Franken. Was sich aber änderte, ist, dass die ehemals von Künstler/innen selber produziert und vertriebenen Zines, die man mit Glück in einem lokalen Buchladen kaufen konnte, einen professionellen Vertrieb und damit mehr Visibiliät und Zugänglichkeit erhalten haben. Das hat sicherlich zu einer verstärkten Verbreitung beigetragen.

Zines als eigenständige künstlerische Werke

Flückiger: Geht mit der Organisation von Zines durch einen professionellen Verlag nicht eine Dynamik verloren, welche dem selbstorganisierten Publizieren seitens der Künstler/innen eigen war?

Sommerhalder: Wahrscheinlich haben sie etwas verloren, da sie nicht mehr so obskur, sondern besser erhältlich sind. Der Reiz des Suchens und Findens wurde vermindert, doch ist dieser auch durch die Allgegenwärtigkeit des Internets und der Zugänglichkeit der digitalisierten Zines verschwunden. Als Verleger bin ich zwar in einer kuratorischen Position, doch die Gestaltung der Zines entsteht jeweils sehr frei und ist fast ganz den Künstler/innen überlassen. Ich schlage einzig das Format und Medium vor.

Flückiger: Nach welchen Kriterien gehst du bei der Künstler/innenauswahl vor?

Sommerhalder: Ein umfassendes Konzept steckt nicht dahinter, es sind vielmehr meine Vorlieben, die mich leiten. Mittlerweile finden sich in den unterschiedlichen Publikationsformaten ganz verschiedene künstlerische Positionen, von Anthony Record, den ich auf Flickr entdeckte, bis zu Paul Noble, bei welchem die Kontaktaufnahme über das Migros Museum für Gegenwartskunst lief. Grundsätzlich interessiert mich der Bereich zwischen Fine Arts und angewandter Gestaltung.

Flückiger: Die Verleihung des Preises für Kunstvermittlung geht diesjährig zum ersten Mal an einen Verlag, die Buchform ist wichtiger Ort des künstlerischen Schaffens geworden. Siehst du dich selbst auch als Kunstvermittler?
Sommerhalder: Meine Tätigkeit hat durchaus etwas mit Vermittlung zu tun, da es mir ein Anliegen ist, künstlerische Positionen bekannter zu machen und zu vernetzen.

Flückiger: Doch in den Zines und den anderen Publikationen wird bewusst auf kommentierende Texte verzichtet?

Sommerhalder: Eine erklärende Rahmung, wie es klassische Vermittlungsformate haben, gibt es bei Nieves nicht. Texte zu den Künstler/innen und Werken kann man auf unserer Webseite nachlesen. Würde ein/e Kurator/in oder ein/e Kunsthistoriker/in zusätzlich einen Text beifügen, wäre das Resultat für mich zu nahe an einem Katalog.
Gabriel Flückiger, Kunstkritiker und Kurator, lebt in Bern und Zürich. gabriel.flueckiger@hotmail.com

Bis: 21.01.2014


Nieves Verlag, Verleihung des vierten Preises für Vermittlung visueller Kunst in der Schweiz, Helmhaus, Zürich, am 21.1., 18 Uhr



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Ausgabe 1/2  2014
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Benjamin Sommerhalder
Link http://www.nieves.ch
Link http://www.kunstverein.ch
Link http://www.visarte.ch
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