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Fokus
1/2.2014


 Während sie Akte der Gewalt thematisiert, schlachtet die Arbeit ‹Geschlachteter Schlafsack› auch sich selbst und ihre vielfältigen Bezugnahmen mühelos aus. In der 2010 entstandenen Installation des Münchner Künstlerpaars Klaus Dietl und Stephanie Müller ist es mit der Bettruhe offenbar vorbei.


Ansichten - Kunst im Sack


von: Insa Härtel

  
Klaus Dietl und Stephanie Müller · Paraphrase: Geschlachteter Schlafsack, 2010, textiles Objekt mit Soundinstallation, Malerei-Collage, Diskokugel und Taschenlampen, Höhe ca. 210 cm ©ProLitteris


Gestolpert bin ich über die Arbeit im Sommer 2013 bei der Jury-Sichtung von Bewerbungen für ‹The Missing Link›, dem ‹Preis für Psychoanalyse und…› des Psychoanalytischen Seminars Zürich. Die im aufgehängten Schlafsack angelegte Konfrontation von «Umhüllen» und «Schlachten» reizte mich, weil sie die Gedanken fast schon spielerisch vom Ausweiden bis hin zum Hineinschlüpfen gleiten macht. Dabei wird ein Bezug zum kunstgeschichtlichen Motiv des geschlachteten Ochsen (bei Lovis Corinth oder Chaim Soutine bspw.) ebenso nahegelegt wie das Motiv des Schutzes. Den Schlafsack hatte das Künstlerpaar zuerst «mit Ärmeln versehen», weil, wie es heisst, zusammen mit einer im Rollstuhl sitzenden Künstlerin «der Frage nach einer wärmenden Schutzhülle nachgegangen wurde». Indem diese Ärmel weiterhin an der Stoffhülle hängen, wird die frühere Funktion nicht einfach fallengelassen, sondern bleibt nachvollziehbar. Insgesamt kennzeichnet die Arbeit eine Inszenierung unterschiedlicher Bezugnahmen. Das Schlachten der dunklen Hülle legt eine bunte Vielfalt anspielungsreicher «Eingeweide» frei. Gesondert zu erwähnen: Die Videoinstallation ‹My Name Is Luka Call Me Catherine›, die sich oben am Fuss des (verkehrt herum) aufgehängten Schlafsacks findet. Mit diesem Titel klingt Suzanne Vegas Luka-Song an. Im Video überschlagen sich zu Tönen und Stimmen aus dem Off Bilder im Bild, Schnitte, Körperobjekte, Werkzeuge, Wiederholungen. Ausdrücklich wird auf Berichte um den kanadischen Pornodarsteller und mutmasslichen Mörder Luka Rocco Magnotta und damit auf Zerstückelung verwiesen. Taucht im Video darüber hinaus der Schlafsack seinerseits auf, dann macht sich diese Kunst auch selbst zum Thema. Die «Fäden» der Installation laufen zusammen, wenn bspw. in Videosequenzen einem Plüschtier der Kopf abgeschnitten und später einem anderen geköpften Tier angenäht wird (mit der Hand, trotz sichtbarer Nähmaschine). Dessen Kopf bleibt folgerichtig übrig – die Verweise nehmen ihren Gang. Auch die Machart dieser Kunst wird damit virulent. Der Schnitt, die Tat, das Nähen, das Textil, der Film – zwischen Inhalt und Form übersetzen sich als Thema dieser Arbeit Prozesse der Gewalt. Dies geschieht durchaus mit Witz, teilweise geradezu mit Leichtigkeit. Gerade in dieser prekären «Vernähung» aber liegt meines Erachtens auch ein unheimliches Moment. Als ob man sich dann eine Differenzierung der verschiedenen Gewaltarten wünscht, deren Überlagerung diese Kunst gerade ausstellt. Draussen bleibt man dabei nicht. Mich jedenfalls hat die Installation im Sack. Insa Härtel ist Professorin für Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Kulturtheorie und Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU). insa.haertel@ipu-berlin.de



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Ausgabe 1/2  2014
Autor/in Insa Härtel
Künstler/in Klaus Dietl
Künstler/in Stephanie Müller
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