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Besprechung
1/2.2014


Sabine Elsa Müller :  In seiner Neupräsentation ‹Not Yet Titled› holt der Kurator Philipp Kaiser die Heroen von ihren Sockeln und verändert nachhaltig den Blick auf das Ludwig Museum als Ort der Kunstgeschichtsschreibung. Doch trotz des grossen Erfolgs will sich Kaiser Ende Februar 2014 wieder von Köln verabschieden.


Köln : Philipp Kaiser kam, sah und siegte - und ist schon wieder weg


  
links: Barbara Kruger · Ohne Titel, 1994/1995, Siebdruck & Collage, Papier & Metall. Foto: Rheinisches Bild­archiv Köln/Sabrina Walz
rechts: Michael Heizer · Actual Size (Elsinore), 1970, Projektion, 700x1100 cm/variabel, Leihgabe Sammlung Ludwig


Auf die Wogen der Begeisterung folgt nach Bekanntwerden der jüngsten Pläne des Museumsdirektors tiefe Enttäuschung. Für Köln ist der Weggang seines neuen Hoffnungsträgers ein herber Schlag. Kaiser gibt als Begründung private Gründe an. Was ihn auch immer motiviert haben mag, das Berufliche hinter das Private zu stellen, leicht kann ihm der Abschied von dem gerade mit solchem Glanz wiedereröffneten Museum Ludwig nicht fallen. Es ist keine Kleinigkeit, ein solches Haus von Grund auf umzukrempeln, wie es ihm in seiner kurzen Amtszeit seit dem 1. November 2012 gelungen ist.
Nichts blieb an seinem angestammten Ort. Davon profitiert besonders die Pop Art, die aus dem Untergeschoss nach oben ins zweite Obergeschoss wanderte. Und mit Louise Lawlers ‹Adjusted› liefert er den Kommentar zur Ausstellung gleich mit. Lawler (*1947, New York) tritt auf als Kronzeugin, die oft ironisch, aber auch kritisch, in jedem Fall erhellend ihre eigenen Beobachtungen beisteuert. Die lange Galerie ihrer Fotografien eröffnet eine Arbeit zu einem der bekanntesten Werke aus der Sammlung des Museums, Andy Warhols ‹Do It Yourself (Landscape)› von 1962. Warhols «Malen nach Zahlen»-Adaption hat sich so weit aus dem Bildzentrum herausgeschoben, dass die leicht ramponierte Rahmenleiste fast in die Bildmitte rutscht. Lawlers Schnappschuss von 1985 - aus der Zeit, als die Ludwig-Sammlung noch in den alten Räumen an der Rechtsschule, dem heutigen Museum für Angewandte Kunst, untergebracht war - fokussiert den Blick auf die Geschichte des Museums und seiner Sammlung. Ein Zusammenhang, der gerade durch die neuesten Enthüllungen wieder brandaktuell geworden ist.
Es gibt viele solch verblüffender Wiederbegegnungen, wie Edward Kienholz' ‹Portable War Memorial› von 1968, von dessen schaurigem Realismus man unvermutet hinter einem Durchgang mit voller Wucht getroffen wird. Irene und Peter Ludwigs einzigartige Sammlung kreist nicht länger nur um sich selbst und ihre raunende Berühmtheit. Es sind ja alles Ikonen, diese Yves Kleins und Warhols, Duchamps und Picassos. Philipp Kaiser holt sie von ihrer etwas angestaubten Höhe herab und bringt sie zum Sprechen, indem er Beziehungen herstellt. Vor der weit ihre Flügel ausbreitenden Kartonassemblage ‹Radiant White›, 1971, von Robert Rauschenberg wirkt Marcel Duchamps sich ewig um die eigene Achse drehendes Fahrradrad, 1964, sehr intim und auf sich selbst fokussiert. Kaiser, der von seinem Posten als senior curator am Museum of Contemporary Art von Los Angeles nach Köln wechselte, blickt aus einer konzeptuellen, sehr genau auf formale Bezüge und präzise Präsentation achtenden Perspektive auf die Kunst. Dass Film und Fotografie nicht nur bei den jüngsten, von ihm selbst verantworteten Ankäufen, sondern auch in der Gesamtpräsentation ein grösseres Gewicht erhalten, entspricht dem zeitgemässen Standard. Malerei erhält ihren Platz, wo sie sich mit der eigenen Gattung auseinandersetzt. Auf dem grossen Triptychon von Georg Herold imitieren Kaviarkügelchen und wolkige Zahlenkolonnen den malerischen Gestus. Rosemarie Trockel ist mit Arbeiten auf Papier vertreten, aber auch mit wichtigen Beiträgen zur Skulptur wie ihrem herdplattenbestückten minimalistischen Kubus ‹6 Richtige›, 1988, oder ‹Arm› von 2005. Vieles aus dieser Abteilung, zu der ausserdem Marcel Odenbachs Video ‹Sich selbst bei Laune halten› aus dem Deutschen Herbst 1977 und die berührende Videoinstallation ‹Ich werde der Letzte sein›, 2009, von Kai Althoff gehören, stammen aus Ankäufen der Ära König, wurden aber noch nie gezeigt.
Einen starken Auftritt erhält Barbara Kruger (*1945), deren multimediale Installation von 1994/95 in den überdimensionierten Oberlichtsaal in der 1. Etage eingezogen ist. Der sogenannte «Heldensaal» war bei der Eröffnung des Museums 1986 den Malerfürsten Baselitz, Immendorff und Penck zugedacht. Jetzt ist der gesamte Raum mit den für Kruger typischen grob gerasterten Medienbildern und den blockhaften Schriftbändern auf rotem Grund ausgekleidet. Aus Lautsprechern prasseln Hetz- und Hasstiraden auf die Besucher/innen herab, unterbrochen von hymnischen Musikfetzen. «We are the People» schallt es herab, «All they care about is money» ist der zynische Kommentar der Schlagzeilen dazu.
Vor allem die Siebzigerjahre werden von Kaiser neu bewertet. Dazu gehören die Foto- und Diaserie von Candida Höfer, ‹Türken in Deutschland› von 1973-78 oder Allan Sekulas 25 Tintenstrahldrucke zur Kultur der Arbeit von 1972. Im leer geräumten Untergeschoss wurde Platz geschaffen für einen erratischen Block, der für einen Moment die Zeit anhält im Strudel der Eindrücke. Michael Heizers Grossprojektion ‹Actual Size (Elsinore)› von 1970 zielt auf unbewegliche Konfrontation. In Lebensgrösse stellt sich ein riesiger Findling den Besucher/innen entgegen und lässt eine Ahnung von der Grösse der Natur aufkommen.
Am anderen Ende des Parcours bildet die Zwei-Kanal-Installation ‹All that Is Solid Melts into Air›, 2008, von Mark Boulos den vorläufigen Abschluss. Händlern der ­Finanzzentrale in Chicago an einem entscheidenden Tag, dem ersten Tag der Kredit­krise 2008, werden Fischer aus Nigeria, die einer militanten Gruppe zur Befreiung des Nigerdeltas von den Öl-Konzernen angehören, gegenübergestellt. Gegner auf Augenhöhe, deren Kampf gleichwohl auf beiden Seiten zum Scheitern verurteilt zu sein scheint.

Bis: 26.01.2014



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Not Yet Titled [11.10.13-26.01.14]
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Barbara Kruger
Künstler/in Louise Lawler
Künstler/in Sherrie Levine
Künstler/in Michael Heizer
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