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Kunstgeschichten
1/2.2014




Nach der Schule zu Paul Thek


  
Gabriele Lutz


Das Ausstellungserlebnis im Frühling 1973 war überwältigend und nachhaltig. Jean-Christophe Ammann hatte den amerikanischen Künstler Paul Thek ins Kunstmuseum Luzern eingeladen und dieser inszenierte zusammen mit Künstlerfreunden ‹Ark, Pyramid, Easter›, ein raumfüllendes Ereignis. Das Museum war nicht wiederzuerkennen. Ein unvergleichliches Sammelsurium von Objekten war hier zwischen «gebastelten» architektonischen Gebilden ausgebreitet worden.
Für mich als Gymnasiastin war es die erste Begegnung mit einer mir bislang unbekannten künstlerischen Ausstellungspraxis, einer Welt, die nicht rational, wohl aber sinnlich-emotional zu erschliessen war. Sie übte eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus. War ich in einem Sakralraum, auf einer Theaterbühne mit Landschaftskulisse oder zu Besuch in einer Künstlerwerkstatt? Jedenfalls war ich mittendrin in einem ebenso spektakulären wie rätselhaften Setting von geheimnisvoller, magischer Atmosphäre. Ich erinnere mich, wie ich ehrfürchtig über einen schier endlosen Landungssteg wandelte. Er führte über ein mit brennenden Kerzen bestücktes Sandmeer, hin zur begehbaren Pyramide aus Zeitungspapier. Ein Ruderboot, üppig geschmückt mit Pflanzen, erwartete mich in einem nächsten Raum und schliesslich stiess ich auf den ausgestopften, stattlichen Hirsch. In seiner Nähe plätscherte ein Brunnen, so jedenfalls hat sich das Bild meiner Erinnerung eingeschrieben. In Luzern aufgewachsen war ich von klein auf vertraut mit der katholischen Liturgie, mit pompös-feierlichen Festtags-Prozessionen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Ausstellung mit der allgegenwärtigen religiösen Symbolik zu einem Schlüsselerlebnis wurde?
Ich kehrte - ich weiss nicht wieviele Male - in die Ausstellung zurück, oft zusammen mit Freundinnen nach der Schule. Paul Theks Ausstellung war eine Alternative zum damals beliebten Treffpunkt an der Reuss, der sogenannten Riviera. Besonders mochte ich es, mich im «Hirschraum» auf den Boden zu setzen und meinen Gedanken nachzuhängen, mit einem Gefühl von Aufgehobensein in diesem wundersamen Kosmos von Naturalien und Artefakten, der Fragen nach Spiritualität, Tod und Wiedergeburt auslöste. Im Pressetext hatte ich mir den Satz «Ark, Pyramid, Easter handelt vom Tod» rot angestrichen. Ja, diesen Pressetext gibt es noch. Zusammen mit der Einladungskarte ist er über die vielen Jahre und ungeachtet zahlreicher Wohnungswechsel im In- und Ausland in meinem Besitz geblieben. Er kann heute die Bedeutung dokumentieren, die ich diesem Ausstellungserlebnis beigemessen habe. Mag sein, dass ich diese Begegnung mit Paul Theks «individueller Mythologie» später zu meinem eigenen, biografischen Mythos gemacht habe. Der Entscheid, Kunstgeschichte zu studieren, ist jedenfalls in jener Zeit gefallen.
Gabriele Lutz, Kunsthistorikerin und Kuratorin, atelier@gabriele-lutz.ch



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Ausgabe 1/2  2014
Autor/in Gabriele Lutz
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