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Besprechung
1/2.2014


Dominique von Burg :  Die brasilianische Künstlerin Laura Lima ist eine Grenzgängerin. Sie agiert zwischen den Medien und verschiedenen Bewusstseinszuständen und schafft ihr eigenes Universum aus installativen und performativen Arbeiten. Nun hat das Migros Museum ihr erstmals eine Einzelshow in der Schweiz eingerichtet.


Zürich : Laura Lima - hinter geschlossenen Türen


  
links: Laura Lima · Bar-Restaurant, 2010/13, Ausstellungsansicht, Migros Museum für Gegenwartskunst, Courtesy A Gentile Carioca, Rio de Janeiro. Foto: FBM studio
rechts: Laura Lima · The Naked Magician, 2008/10/13, Ausstellungsansicht, Migros Museum für Gegenwartskunst, Courtesy A Gentile Carioca, Rio de Janeiro. Foto: FBM studio


Man fühlt sich wie ein kleines Kind, das im vollgestopften Estrich der Grosseltern herumstöbert und auf die wunderlichsten Dinge stösst. Sie inspirieren uns zu wilden Fantastereien, die uns wie Alice im Wunderland in eine paradoxe Welt zwischen Traum und Wirklichkeit locken, in der Zeit und Raum nach eigenen Gesetzen gerinnen und die nach magischen Grundsätzen tickt. In den Räumen des Migros Museums hat Laura Lima (*1971, Governador Valadares, Brasilien) eine seltsame Welt inszeniert, die sich hinter zahlreichen geschlossenen Türen eines langen, engen Korridors auftut. Man tritt in ein chaotisches Labyrinth, das von schiefen, wackligen Gestellen verbarrikadiert ist und wo sich die unglaublichsten Objets trouvés stapeln: Kartonschachteln, Flaschen, halbfertige Keramikskulpturen, Papierobjekte, Gummireifen, eine Nähmaschine, alle Arten von Werkzeugen - sowie eine Schlafecke samt Badewanne und Kochgelegenheit. Während der ganzen Ausstellungsdauer geht ein von der Künstlerin instruierter, doch nicht kontrollierter Protagonist, der «Naked Magician», unaufhörlich rätselhaft anmutenden Tätigkeiten nach. Wobei er - oder sie? - nicht nackt, sondern in einen schwarzen Frack mit kurzen Ärmeln gekleidet ist.
Einen grösseren Gegensatz als die nüchtern eingerichtete Installation «Bar-Res-taurant» auf der anderen Seite des grossen Ausstellungsraumes mit bündig ausgerichteten Bistrotischen lässt sich dazu kaum denken. Aber selbst hier geschehen magische Dinge. Die meisten Stühle sind von Objekten besetzt, so von Papierstapeln, geometrischen Figuren, einem Schirm, einer an Beuys erinnernden Decke oder einem abstrakten Bild von Blinky Palermo. Ein verkleideter Kellner oder eine Kellnerin schenken regelmässig Bier in die symmetrisch angeordneten Gläser ein, die sich auf mysteriöse Weise leeren. Es scheint, als seien die Performer fremd gesteuert und agierten nach Verhaltensmustern, die unseren westlich geprägten Codes fremd sind.
Diesem Rationalismus entzieht sich Lima bewusst und hält ihm die Magie als Ort der Resistenz entgegen. Dabei macht sie das «Displacement», die Verrückung von Gegenständen, zur essentiellen Strategie, die Irritationen im vorgegebenen Rahmen auslöst. Diese Brüche vermögen einen kleinen Spalt in unsere eng gezimmerten Vorstellungsräume zu schlagen, der uns ermöglicht, in eine magische Parallelwelt zu schlüpfen, in der - fern von Eskapismus - unser zweckrationalisierter Alltag ausgehebelt wird und sich eine überraschende Weite öffnet.

Bis: 02.02.2014



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Laura Lima [23.11.13-02.02.14]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Laura Lima
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