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1/2.2014




krefeld : Alicja Kwade


von: Sabine Elsa Müller

  
links: Alicja Kwade · 1417+ (16.08.2013), 2013, 1417 Findlinge, gerahmte, kaligraphische Liste, Installation ca. 5922x1645x0,1 cm, 112,5x85 cm (Rahmen). Foto: Volker Döhne
rechts: Alicja Kwade · Truster 7, 2013, 7 Kaiser-Idell-Lampen (Christian Dell), Installation ca. 317,5x74,3x59 cm, Courtesy Kamel Mennour, Paris. Foto: Volker Döhne


Alicja Kwade (*1979, Katowice, Polen) läuft in Krefeld zu grosser Form auf und lässt die von Mies van der Rohe erbaute Fabrikantenvilla von einer Steinlawine überrollen. Doch bleibt der Grundton ironisch: Während sich der Spannungsbogen der Ausstellung im kathartischen Höhepunkt entlädt, sinkt der «Grad der Gewissheit» gegen Null.
Als Modell einer rational geprägten Utopie spielt das Bauhaus bis heute eine Schlüsselrolle in einem Weltbild, dem Kwade mit tiefer Skepsis begegnet. Zuerst passt alles noch ganz gut in das gediegene Ambiente eines bürgerlichen Einfamilienhaushalts. Die Uhr an der Wand gibt den Takt für einen funktionstüchtigen Lebensentwurf - wäre da nicht ein kleiner Schönheitsfehler. Das gesamte Ziffernblatt einschliesslich Minuten- und Stundenzeiger dreht sich in genau demselben Modus, in dem der Sekundenzeiger vorrückt, in die entgegengesetzte Richtung. Die Uhrzeit stimmt, aber die Zuverlässigkeit der Uhr als Zeitmesser wird durch dieses extravagante Verhalten mehr als fragwürdig. In einem anderen Raum vollführen wunderschöne Kaiser-Idell-Lampen aus den Dreissigerjahren in einer siebenfach gestaffelten Aufstellung eine Art filmische Bewegungssequenz von oben nach unten, um schliesslich im Dunkel des Fussbodens zu verschwinden. Die Lampen gehören zu einem Fundus, aus dem sich Kwades Basisvokabular zusammensetzt. Licht lässt sich metaphorisch vielfältig deuten. Es steht für die Klarheit der Vernunft, kann aber auch blenden und irreführen. Eine brennende Lampe ist ein sichtbares Zeichen für unsichtbare Energieströme, die dennoch unsere ökonomischen, wissenschaftlichen und soziokulturellen Systeme am Laufen halten.
Die in Berlin lebende Künstlerin zielt auf die grundsätzliche Relativität von «Gewissheiten» verschiedenen Ursprungs. Dabei führt die formale Perfektion ihrer modernen Allegorien häufig in die Irre. Hinter der vermeintlichen l'art pour l'art im Sinne von Minimal oder Land Art verbirgt sich eine akribisch verfolgte Idee. Verschlüsselte Titel wie ‹1417+› verweisen auf diese Metaebene. So grandios die Wirkung des Findlingsstroms ist, der aus dem hintersten Teil des Parks auf das Gebäude zurollt, in dessen Inneres er mit seiner in kleinste Steinchen sich verjüngenden Spitze bereits eingedrungen ist - Ausgangspunkt ist die Idee, aus der heraus sich die stringente formale Lösung entwickelt. In diesem Fall geht es um die permanente Bedrohung aus dem Weltall durch Asteroiden. 1417 als gefährlich eingestufte Asteroiden wurden bisher von der NASA erfasst. Aber niemand weiss, ob nicht schon ein bisher unentdeckter Asteroid existiert, der sich eines Tages als der bei weitem gefährlichste erweisen wird.

Bis: 16.02.2014



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Ausgabe 1/2  2014
Ausstellungen Alicja Kwade [29.09.13-16.02.14]
Institutionen Museum Haus Esters/Lange [Krefeld/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Alicja Kwade
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